Der Gute Hirte: Predigt zu Johannes 10,1-21

12. Dezember 2012 0 Antworten von Simon

1 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in die Schafhürde hineingeht, sondern anderswo hineinsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirte der Schafe. 3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe beim Namen und führt sie heraus. 4 Und wenn er seine Schafe herausgelassen hat, geht er vor ihnen her; und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht. 6 Dieses Gleichnis sagte ihnen Jesus. Sie verstanden aber nicht, wovon er zu ihnen redete. 7 Da sprach Jesus wiederum zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür für die Schafe. 8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie. 9 Ich bin die Tür. Wenn jemand durch mich hineingeht, wird er gerettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. 10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluss haben. 11 Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der kein Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe. 13 Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert. 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und bin den Meinen bekannt, 15 gleichwie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16 Und ich habe noch andere Schafe, die nicht aus dieser Schafhürde sind; auch diese muss ich führen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird [eine] Herde und [ein] Hirte sein. 17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen. 19 Da entstand wiederum eine Spaltung unter den Juden um dieser Worte willen; 20 und viele von ihnen sagten: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen, weshalb hört ihr auf ihn? 21 Andere sagten: Das sind nicht die Worte eines Besessenen. Kann denn ein Dämon Blinden die Augen öffnen?

(Johannes 10:1-21 [Schlachter 2000])

Wer ist dieser Mensch?

Jesus redet zum Volk. Und nachdem er das getan hat, entsteht wieder einmal eine Spaltung unter den Juden. Der eine Teil behauptet, dass Jesus verrückt ist. Von Sinnen. So steht es in Vers 20. Sie sagen, er hätte einen Dämon.

Warum sagen sie das? Es sind die Worte Jesu in Vers 17 und Vers 18, die sie dazu bringen.

Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Hätte Jesus nur behauptet, dass er sein Leben lassen kann, dass er also die Fähigkeit besitzt, sich selbst umzubringen, so wäre das nichts Besonderes gewesen. Jeder kann sein Leben lassen. Ich kann die Entscheidung treffen, heute von der Brücke zu springen oder mich morgen vor den Zug zu schmeißen.

Aber Jesus bleibt nicht hierbei stehen. Er behauptet, dass er nicht nur Vollmacht hat, sein Leben zu lassen, sondern auch es wieder an sich zu nehmen.

Vers 18: „Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen.“

Das ist wirklich verrückt. Kein Normalsterblicher würde so etwas von sich behaupten. Man kann sich töten, ja, aber man kann sich nicht wieder lebendig machen.

Und die Juden sehen das genauso. Sie merken: Jesus ist kein normaler Mensch. Er kann nicht normal sein. Die einzige logische Schlussfolgerung, die sich für sie ergibt, lautet: „Er ist von Sinnen. Verrückt. Ein Wahnsinniger. Ein Irrer. Er ist besessen von einem Dämon.“ Oder anders gesagt: Das sind nicht seine eigenen Worte, sondern die Worte eines bösen Geistes in ihm.

Doch halt – nicht alle behaupten das: Einige erinnern sich an etwas, was Jesus erst kurz zuvor vollbracht hat. Wir lesen davon in Johannes Kapitel 9. Dort hatte er einem Blinden die Augen geöffnet. Er hatte ihn geheilt, wieder sehend gemacht.

Ein Teil des Volkes hat diese Tat also noch im Gedächtnis, als Jesus zu ihnen redet und sie kombinieren seine Tat, einen Blinden sehend zu machen, mit dem was er hier sagt; nämlich, dass er in der Lage ist, sich selbst von den Toten aufzuerwecken. Dann versuchen sie eine logische Schlussfolgerung aus all dem zu ziehen. Und diese besteht für sie darin, dass Jesus nicht verrückt sein kann, dass er nicht von einem Dämon besessen sein kann. Denn, so sagen sie in Vers 21: „Kann denn ein Dämon Blinden die Augen öffnen?“

Oder anders gesagt: Ja, es mag sein, dass es Menschen gibt, die nicht ganz bei Verstand sind, es mag sogar sein, dass es Menschen gibt, die von einem bösen Geist besessen sind und es mag sein, dass diese Menschen dann wirres Zeug reden, das kein Normalsterblicher redet. Manch einer mag vielleicht sogar so weit gehen zu behaupten, er könne erst von den Lebenden zu den Toten treten und dann diesen Prozess wieder umkehren. Aber – und dieses aber ist ein dickes ABER – kein solch verrückter, besessener Mensch hat die Fähigkeit und die Macht einem Blinden wieder das Augenlicht zu schenken.

Die über allem stehende Frage, die sich den Juden also am Ende dieses Abschnittes stellt, ist folgende: „Wer ist dieser Mensch?“

Und ich glaube, dass Jesus genau darauf hinaus wollte. Er möchte die Menschen mit seinen Worten darauf aufmerksam machen, wer er wirklich ist. Alles spitzt sich darauf zu. Und es scheint tatsächlich nur zwei Optionen zu geben: Entweder Jesus ist ein Verrückter, oder er ist…ja, was ist er sonst?

Das ist eine ganz essentielle Frage, ja ich möchte sogar so weit gehen zu sagen, die essentiellste Frage überhaupt: Wer ist Jesus?

Und diese Frage nach Jesu‘ Sein ist immer auch ganz eng verknüpft mit seinem Handeln: Was tut Jesus?

1 großes Thema in 3 Stufen

Das über allem stehende Thema von Johannes 10 dürfte man in fast jeder Bibelübersetzung als Überschrift finden: „Der gute Hirte“.

Die Antwort auf die erste Frage, wer Jesus ist, lautet also einfach „Der gute Hirte“, wobei wir uns noch tiefgründiger damit beschäftigen werden, was das heißt.

Die Antwort auf die zweite Frage: „Was tut Jesus?“ entwickelt sich über drei Stufen hinweg, genauso wie sich der Text über drei Stufen hinweg entwickelt.

In den Versen 1 bis 6 sehen wir, dass Jesus ein Gleichnis erzählt. Ein Gleichnis von einem Hirten, von Räubern, von einer Tür, einem Wächter, von Schafen und einem Fremden. Er identifiziert sich hier mit keinem von diesen, er überlässt den Juden bzw. uns diese Aufgabe selbst.

In den Versen 7 bis 10 sagt Jesus dann, dass er die Tür ist und erklärt genauer was er damit meint.

Und in den Versen 11 bis 18 behauptet er, der gute Hirte zu sein und erklärt wiederum, was er damit meint.

Im Hinblick auf die Frage: „Was tut Jesus?“ könnte man diese drei Stufen auch folgendermaßen zusammenfassen:

Der Gute Hirte, d.h. Jesus…

  • …sammelt seine Schafe,…
    (Hiermit wird die Frage beantwortet, was Jesus tut.)
  • …um ihnen Leben im Überfluss zu geben,…
    (Hiermit wird die Frage beantwortet, wozu Jesus das tut.)
  • …indem er sein Leben für sie lässt.
    (Hiermit wird die Frage beantwortet, wie Jesus das tut.)

Der Gute Hirte….

In Vers 1 spricht Jesus von einem Dieb und Räuber. Damit wendet er sich an die geistlichen Führer Israels, deren eigentliche Aufgabe darin bestand, gut für das Volk zu sorgen, die dieser Aufgabe aber nicht nachkamen, sondern nur um ihr eigenes Wohl und ihr Ansehen besorgt waren. Jesus setzt diesen Dieben und Räubern nun eine Kontrastperson entgegen: Nämlich den Hirten, der für die Schafe sorgt und sich um sie kümmert. Und ich bin überzeugt davon, dass er damit letztendlich sich selber meint, denn in Vers 11 sagt er: „Ich bin der gute Hirte.“

Die ganze Passage in Johannes 10 erinnert stark an Hesekiel 34, der Text, den wir vorhin gelesen haben. Sicherlich werden Jesu‘ Zuhörer, die sich gut mit der Schrift ausgekannt haben, ebenfalls daran gedacht haben.

Auch in Hesekiel 34 kümmern sich die Hirten, d.h. die geistlichen Führer nicht um die Schafe:

Das Schwache stärken sich nicht, das Kranke heilen sie nicht, das Verwundete verbinden sie nicht, das Verscheuchte holen sie nicht zurück, und das Verlorene suchen sie nicht. Sondern sie herrschen streng und hart über sie. (vgl. Hes 34,1-6)

Einmal sagt Gott also, dass er selber seine Schafe weiden wird, einmal sagt er, dass sein Knecht David seine Schafe weiden wird. Wie ist das möglich?

Und deshalb kündigt Gott in Hes 34, Vers 11 folgendes an:

Siehe, ich selbst will nach meinen Schafen suchen und mich ihrer annehmen! Wie ein Hirte seine Herde zusammensucht an dem Tag, da er mitten unter seinen zerstreuten Schafen ist, so will ich mich meiner Schafe annehmen und sie aus allen Orten erretten, wohin sie zerstreut wurden an dem nebligen und dunklen Tag. […] Ich selbst will meine Schafe weiden und sie lagern, spricht GOTT, der Herr.

Aber in Vers 23 steht dann folgendes:

Ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David; der soll sie weiden, und der soll ihr Hirte sein.

Einmal sagt Gott also, dass er selber seine Schafe weiden wird, einmal sagt er, dass sein Knecht David seine Schafe weiden wird. Wie ist das möglich?

Jesus gibt uns die Lösung dieses Rätsels gibt: Er sagt von sich „Ich bin der gute Hirte.“

Was er damit meint ist folgendes: Ich bin der Knecht David, den Gott erweckt hat, damit er seine Schafe errettet und weidet und von dem Hesekiel schon mehr als 500 Jahre vor meiner Geburt prophezeit hat. Aber damals hat Gott auch gesagt, dass er selber für seine Schafe sorgen wird, und wisst ihr was das bedeutet? Ich bin selber Gott!

Jesus Christus ist die Lösung des Rätsels in Hesekiel 34!

Und damit zurück zu meiner eingangs gestellten Frage: „Wer ist Jesus?“

Jesus ist letztendlich derjenige, der von Gott, dem Vater gesandt wurde, um das Verlorene zu retten, um die Schafe zu weiden. Er ist der gute Hirte. Er ist aber kein normaler Mensch, der von Gott gesandt wurde, denn kein normaler Mensch könnte so gut für die Schafe sorgen. Er ist Gott selber. Letztendlich ist Jesus Christus die Lösung des Rätsels in Hesekiel 34.

…sammelt seine Schafe…

Was genau tut Jesus als der Gute Hirte nun? Er sammelt seine Schafe, er sammelt sie aus der Herde der Juden.

Zur Zeit Jesu war es üblich, dass sich mehrere Familien zusammen einen großen Schafstall teilten. All ihre Herden waren dort gemeinsam untergebracht. Sie hatten einen Wächter angestellt, der über alle Schafe gewacht hat und nur legitimierte Personen durch das Tor hinein gelassen hat. Wenn nun die Hirten ihre eigene Herde sammeln wollten, riefen sie sie auf eine markante Art und Weise. Die Schafe, die den Ruf und die Stimme des Hirten kannten, kamen daraufhin angelaufen.

Dieses Bild gebraucht Jesus, wenn er in Vers 2ff sagt:

„2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirte der Schafe. 3 Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe beim Namen und führt sie heraus. 4 Und wenn er seine Schafe herausgelassen hat, geht er vor ihnen her; und die Schafe folgen ihm nach, denn sie kennen seine Stimme. 5 Einem Fremden aber folgen sie nicht nach, sondern fliehen vor ihm; denn sie kennen die Stimme der Fremden nicht.“

Jesus will damit deutlich machen: Ich bin legitimiert dazu, zu den Schafen zu gehen, ich bin kein Dieb und kein Räuber, sondern der Hirte der Schafe, der es gut mit ihnen meint. Das zeigt sich darin, dass meine Schafe meine Stimme kennen und auf sie hören. Und ich kenne sogar jedes meiner Schafe ganz persönlich, mit Namen, so wichtig sind sie mir.

Was diese Verse implizit aussagen, ist, dass bestimmte Schafe schon Jesu‘ Schafe sind, bevor er sie beim Namen ruft. Sie sind nicht bessere oder schlechtere Schafe als die anderen, sie haben sich auch nicht selbst auf die Seite von Jesus gestellt und gesagt „Ich will zu dir gehören“, sondern sie sind von Anfang an seine Schafe. Allein das unterscheidet sie von den anderen.

Und dass es seine Schafe sind zeigt sich genau darin, dass sie auf seine Stimme hören, und dass sie ihm nachfolgen.

Das heißt, wenn Jesus hier zu den Juden spricht, wird ein Teil der Juden seine Stimme hören, sie werden in Jesus den Guten Hirten erkennen. Und sie werden ihm nachfolgen.

Ein anderer Teil jedoch wird die Stimme Jesu nicht erkennen. Wir sehen, dass genau das am Ende des Abschnitts passiert: Ein Teil der Menge hält Jesus für verrückt, weil sie nicht verstehen, wer er ist. In Vers 26 sagt Jesus selber: „ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen.“

Und das passiert heute immer noch. Wenn die Worte Jesu heutzutage verkündet werden, wie z.B. in Predigten, oder wenn Menschen sie lesen, dann folgen daraus zwei Reaktionen: Der eine Teil erkennt Jesus als den Gesandten Gottes, ja, Gott selbst an. Der andere verkennt ihn und folgt ihm nicht nach.

Die Frage an uns alle, an dich persönlich ist: „Wen hörst du aus diesen Versen raus? Einen Verrückten oder Gott selbst?“ Erkennst du Jesus als den, der er ist? Und folgst du ihm nach, mit allem was du bist und hast?

Das ist es jedenfalls, was wir tun sollten.

…damit sie Leben im Überfluss haben…

Es stellt sich die Frage, warum Jesus seine Schafe sammelt. Und warum wir ihm nachfolgen sollten. Diese Frage wird im zweiten Teil beantwortet, genauer gesagt am Ende von Vers 10:

„[…]ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluss haben.“

Der gute Hirte sammelt seine Schafe also, damit sie Leben im Überfluss haben.

Um das zu verdeutlichen, greift Jesus hier auf einmal ein weiteres Bild auf. Er sagt von sich, dass er die Tür für die Schafe ist. Was meint er damit? Ich denke das gleiche, das er später auch in Johannes Kapitel 14,6 meint: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich!“

Meine Lieben, es ist eine Lüge der Postmodernen Zeit, dass alle Wege beim gleichen Ziel enden. Es ist eine Lüge, dass alle Religionen – der Islam, das Judentum, das Christentum usw. – in den Himmel führen. Jesus sagt: „Ich bin der Weg“ und meint damit „In mir besteht der einzige Weg zum Vater.“

Es ist eine Lüge, dass es nicht die Wahrheit gibt, sondern dass Wahrheit etwas Subjektives ist, nach dem Motto: Meine Wahrheit ist nicht deine Wahrheit, aber trotzdem haben wir beide Recht. Jesus sagt: „Ich bin die Wahrheit“ und meint damit „Es gibt nur eine absolute Wahrheit und die findet ihr ausschließlich in mir.“

Es ist eine Lüge, dass wir Leben finden können sowohl im Schintoismus, als auch im Buddhismus, als auch im Hinduismus. Jesus sagt: „Ich bin das Leben“ und meint damit „Nur in mir findet ihr wahres Leben.“

Jesus betont also, dass alle Menschen, die die Wahrheit erkennen, die zum Vater kommen und die wahres Leben finden wollen, durch ihn als die Tür gehen müssen. Es gibt keine andere Möglichkeit.

Und er verspricht all denjenigen, die durch diese Tür gehen, in Vers 9 zwei Dinge:

  1. Sie werden gerettet werden.
  2. Sie werden ein- und ausgehen und Weide finden.

Mit dem ersten meint er: „Tritt durch mich ein und du wirst gerettet sein. Sicher beschützt vor Wölfen und vor Räubern. Niemand wird dir etwas anhaben können. Für immer.“

Das Leben, das Jesus bietet, ist also ein ewiges und vollkommen sicheres Leben.

Aber Jesus nimmt hier nicht nur Bezug auf die Länge, also die Quantität des Lebens, sondern auch auf die Qualität.

Denn mit dem zweiten meint er: „Tritt durch mich ein und du wirst Weide finden. Du kannst hin- und hergehen, wo du willst, überall werden saftige Wiesen sein, an denen du dich satt essen kannst.“

V.10: “ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es im Überfluss haben.”

Letztendlich ist es das, wonach uns alle verlangt: Ein erfüllendes Leben. Ein Leben, das Sinn macht. Ein Leben voller Freude.

Denn ja, ein sicheres und ewiges Leben ist gut – aber wir Menschen sind für so viel mehr gemacht. Wir sind gemacht für ein blühendes, für ein überfließendes Leben. Und das ist es, was Jesus uns geben will. Was nur er uns geben kann.

…indem er sein Leben für sie lässt.

Doch wie kann uns Jesus dieses Leben in Fülle geben? Wir hatten gesagt, dass der gute Hirte seine Schafe sammelt, um ihnen überfließendes Leben zu geben. Nun, wie tut er das?

Die Antwort finden wir in Vers 11: „Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.

Jesus gibt den Schafen überfließendes, blühendes Leben, indem er selbst sein Leben für sie lässt.

Und er nimmt hier wieder das Bild des Hirten auf. Das Bild eines Hirten, der alles tut für das Wohlergehen seiner Schafe. Wir haben oftmals eine sehr verweichlichte Vorstellung des Hirtenjobs, einfach weil es bei uns nur sehr wenige Hirten gibt. Wir denken an den Hirten, der entspannt auf seinem Schemel auf einer großen Wiese sitzt und liebevoll ein Lamm in seinen Händen mit der Flasche nährt. Die restlichen Schafe grasen gemächlich, die Sonne scheint, alles ist friedlich und bestens.

Aber tatsächlich ist der Hirtenjob ein sehr anstrengender Beruf, v.a. im Nahen Osten. Er bedeutet bei Wind und Wetter, bei Hitze und Kälte draußen zu sein, immer ein Auge auf alle Schafe zu haben, weil diese oftmals zu blöd sind, von sich aus bei der Herde zu bleiben, verlorenen nachzugehen, verletzte zu verbinden, Schwache kilometerweit zu tragen, aufzupassen, dass sie keine giftigen Gräser essen, und alle Gefahren von außen abzuwehren.

Er bedeutet, im Ernstfall gegen Bären und Löwen zu kämpfen, wie König David es schon als kleiner Hirtenjunge tat, und das Leben der Schafe mit dem eigenen Leben zu verteidigen.

Genau das tut Jesus, sagt er, weil er der gute Hirte ist und stellt sich selbst damit in Kontrast mit einem sog. Mietling, d.h. einem bezahlten Hirten, dem die Schafe gar nicht selber gehören. Dieser wird natürlich bei nahender Gefahr fliehen und die Schafe im Stich lassen, weil ihm sein eigenes Leben wichtiger ist.

12 Der Mietling aber, der kein Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt und zerstreut die Schafe. 13 Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert.

Im Gegensatz dazu heißt es von Jesus in V.14f:

14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und bin den Meinen bekannt, 15 gleichwie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Jesus sagt, dass eine untrennbare Verbindung zwischen ihm und seinen Schafen vorhanden ist. Genauso, wie der Vater ihn kennt und wie er den Vater kennt, so kennt Jesus seine Schafe und seine Schafe ihn.

Und das Wort „kennen“ sowohl im hebräischen Gebrauch als auch in der Originalsprache des Textes, dem Griechischen meint keine normale Bekanntschaft, es meint eine intime Beziehung; eine Beziehung, die geprägt ist von einer gegenseitigen Liebe. Wie Jesus seinen Vater liebt und der Vater ihn, so wird Jesus auch von seinen Schafen geliebt und so liebt er seine Schafe.

Und deshalb gibt er alles für sie hin. Letztendlich gibt er sogar sich selbst hin. Er lässt sein Leben für sie. Er opfert sich selbst für sie.

Aber was ist, wenn der Hirte gestorben ist? Das ist doch schlecht für die Schafe, dann sind sie allen Gefahren schutzlos ausgeliefert?! Hier kommen wir an die Grenzen dieses Gleichnisses, hier lässt es sich nicht mehr 1:1 übertragen.

Denn Jesus gibt sein Leben nicht bedenkenlos im Kampf hin und hinterlässt seine Schafe ohne Führung.

Nein, er sagt in V.17f:

17 Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. 18 Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen.

Jesus opfert sein eigenes Leben ganz bewusst, er gibt es von sich aus hin. Nicht deshalb, weil er muss, sondern weil er weiß, dass er dadurch den Sieg erlangen wird – durch den Tod hindurch – auch für seine Schafe. Weil er weiß, dass er wieder von den Toten auferstehen wird. Und weil er dadurch seinen Schafen garantiert, dass auch sie eines Tages von den Toten auferstehen und ewiges Leben haben werden.

Was hat das mit mir zu tun?

Es gibt eine letzte Frage, die wir uns stellen sollten: „Was hat das alles mit mir zu tun?“ Denn Jesus redet doch immer noch zu den Juden.

Nun, beachte, was er in V.16 sagt:

16 Und ich habe noch andere Schafe, die nicht aus dieser Schafhürde sind; auch diese muss ich führen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird [eine] Herde und [ein] Hirte sein.

Jesus sagt letztendlich: „Ja, einige aus dem großen Volk der Juden gehören zu mir, sie sind meine Schafe. Aber ich habe auch noch Schafe in einem anderen Stall, die zu mir gehören und die ich deshalb führen muss.“

Mit dem anderen Stall meint er all die Heidenvölker; alle anderen, die keine Juden sind.

Jesus Christus ist nicht nur für die Juden auf diese Welt gekommen, seine Botschaft gilt nicht nur einem Volk, sondern allen Menschen. Sie gilt auch dir.

Und seine Botschaft lautet:

„Egal wer du bist, egal woher du kommst, egal was du getan hast: Ich stehe hier und rufe meine Schafe. Und wenn du meine Stimme vernimmst, dann folge mir nach. Denn ich bin der einzige Weg zum Vater, in dessen Gegenwart der Ort ist, an dem alle Schafe ursprünglich Zuhause waren. Aber seit dem Sündenfall sind sie von ihm getrennt. Sie befinden sich nicht mehr in einem Garten mit reichlich Essen und ohne jegliche Feinde.

Nein, sie sind aufgrund ihrer Sünde getrennt von Gott und leben in einer kargen Welt, umgeben von Wölfen und Räubern.

Mein Freund, du musst verstehen, dass dieser Prozess nicht einfach so umkehrbar ist. Die zerstreuten Schafe brauchen einen Hirten, der sie zurück führt an ihren Ursprungsort, zurück ins Paradies. Sie brauchen einen Hirten, der sie zurück ins Leben führt. Der ihnen Leben gibt, indem er selbst sein Leben für sie lässt.

Und genau das ist es, was ich getan habe. Ich, Jesus Christus, ich bin der gute Hirte. Was ich am Kreuz getan habe, gilt auch dir. Ich habe dort willentlich mein Leben gelassen, damit meine Schafe überfließendes Leben haben können. Ich habe ihre Schuld auf mich genommen und die Strafe getragen, damit sie zum Vater kommen können. Ich habe sie befreit von der Macht des Teufels, dieses Räubers, der sie zerstören wollte.

Mir ist nichts zu schwer, ich kann alles tragen. Glaube nicht der Lüge des Satans, der dir eintrichtern will, dass

deine Sünde zu groß ist, glaube nicht der Lüge dieser Welt, die dir eintrichtern will, dass das Leben hier auf der Erde schon alles ist.

Glaube mir, dass ich der gute Hirte bin, dass ich die Tür bin, und dass der Weg durch mich zu einem ewigen, niemals endenden Leben voller Freude in der Gegenwart des allmächtigen, himmlischen Vaters führen wird.

Komm, folge mir nach!”

Predigten

Über den Autor

Simon Mayer, Jahrgang 1990, arbeitet als Ingenieur in München und studiert nebenberuflich Theologie am Martin Bucer Seminar. Seit 2010 ist er verheiratet mit Simone. In seiner Freizeit engagiert er sich in der FEG München-Mitte, z.B. durch die Leitung des Männerhauskreises Soli Deo Gloria. Außerdem predigt er ab und zu in verschiedenen Gemeinden oder auf Teenielagern. Die übrige Zeit verbringt er mit redaktionellen Tätigkeiten für den Josiablog, Fußball spielen oder Musik machen.
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