Wie verstehe ich die Bibel? Drei Faustregeln.

23. September 2013 1 Antwort von Heiko

Die Kunst, einen Bibeltext richtig auf das Leben anzuwenden, heißt unter den Bibellehrern „Exegese“. Der zentrale Hauptpunkt dabei ist, dass man richtig versteht, was Gott in der Bibel zum Leben sagt. Der zentrale Nebenpunkt liegt darin, dass man vor seinen Freunden sagen kann: „Das muss ich dann erstmal exegetisch untersuchen“ und dafür angeschaut wird, als wäre man intelligent.

Mit der Zeit habe ich einige Werkzeuge (oder: Methoden) gelernt, die mich zum richtigen Verstehen der Bibel geführt haben. Ich finde diese Werkzeuge (oder: Methoden) sehr hilfreich und will, auch wenn ich mehrere gefunden habe, heute drei Stück herausgreifen.

  1. Werkzeug, um die Bibel zu verstehen: Die Bibel lesen.
  2. Werkzeug, um die Bibel zu verstehen: Von Außen nach Innen interpretieren.
  3. Werkzeug, um die Bibel zu verstehen: Jesus, Jesus, Jesus!

Die Bibel lesen

Also auf zum ersten Werkzeug: „Die Bibel lesen.“ Das klingt einfach, aber viele Leute machen hier schon den ersten Fehler: Sie lesen die Bibel nicht. Ich mach grad keinen Witz – im Kern kommt genau daher ihr Verständnisproblem! Teilweise kann ich mir nur an den Kopf fassen, was alles für Meinungen da draußen rumschwirren, und jeder Mensch überzeugt ist, dass in der Bibel stehen würde, was er da so rumschwirren gehört hat. Ich habe z.B. schon häufig folgenden Dialog gehabt (erst neulich mit einem Bekannten auf einer Gartenparty):

Er: „Jesus hat nie behauptet, dass (…)“

Ich: „Hast du mal in der Bibel gelesen?“

Er: „Nein.“

Da liegt der kritische Fehler. Menschen lesen die Bibel nicht, aber sie alle sagen sehr selbstverständlich, dass sie schon wüssten, worum es im Christentum geht. Hier also das erste Werkzeug: Die Bibel aufschlagen und ein paar Stücke lesen. Das ist zu viel Arbeit? Hier ist ein guter Grund zum Bibellesen: Wenn du es nicht tust, wirst du zwangsläufig bevormundet werden. Wenn du nur jemandem zuhörst, der über die Bibel redet und du nicht selber nachliest, dann bist du in blinden Gehorsam abgedriftet. Woher würdest du es denn merken, wenn dir jemand Käse erzählt? Ich wünschte, ich hätte mal auf der Grillfeier zu meinem Bekannten gesagt: „Wer hat dir das denn erzählt? Du glaubst ihm ja jedes Wort…vertraust du ihm so sehr? Ohne mal nachgelesen zu haben? Also ich fände das gruselig.“

Ich sage ja gar nicht, dass sich jeder bis in die tiefsten Tiefen der Bibel vorarbeiten muss! Ich sage nur: Wenn mehr Leute die Bibel lesen würden, dann kämen sie doch von ganz alleine drauf, dass es bei Jesus um mehr geht als die Moral und dass es beim Abendmahl um mehr geht als um den Keks. Und Ausreden zählen hier nicht, wie etwa in einem weiteren Gespräch, das ich hatte:

Ich: „Hast du mal in der Bibel gelesen?“

Er: „Nein, ich hatte noch keine Zeit dazu.“

Ich: „Das ist schade. Wie alt bist du denn?“

Er: „28.“

Von Außen nach Innen interpretieren

Zweites Werkzeug: Von Außen nach Innen interpretieren. Manch schwierige Stelle in der Bibel ergibt beim Lesen (1. Werkzeug) keinen Sinn – also wie erklärt man diese Stelle dann korrekt? Oder ich könnte auch fragen: Wie erkennt man einen Prediger, der eine Stelle falsch interpretiert? Das zweite Werkzeug beinhaltet, eine Textstelle immer mithilfe ihres Textumfelds zu deuten und sich so beim Verstehen helfen zu lassen. Wenn du also z.B. Matthäus 9 liest und richtig verstehen willst, dann solltest du zunächst die Bibel als ganzes Buch lesen. Danach solltest du zu dem Buch Matthäus zurückkehren und es nochmal lesen (Kapitel 1 bis 28). Und dann kehre zu Kapitel 9 zurück und ließ die Kapitel 8 und 10, die das Kapitel 9 einrahmen. Warum ist das wichtig? Es ist wichtig, weil wir einen einzelnen Vers nicht entgegen dem Kapitel auslegen dürfen, in dem er geschrieben steht. Außerdem wollen wir nicht ein Kapitel auslegen und später feststellen, dass unser Ergebnis gegen die Gesamtaussage des Buches steht und wir wollen auch ein Buch der Bibel nicht gegen die Gesamtaussage der Bibel interpretieren. Das wäre Quatsch. Hier sind ein paar Klassiker, die ohne ihren Zusammenhang nicht nur absurd klingen, sondern auch gefährlich missverstanden werden können:

  • Jesus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch.“ (Johannes 6:53)
  • Paulus: „Wenn ihr einander aber beißt und fresst, so habt acht, dass ihr nicht voneinander aufgezehrt werdet!“ (Galater 5:15)
  • Jesaja: „Räuber rauben, ja, räuberisch rauben die Räuber! Grauen, Grube und Garn kommen über dich, du Bewohner der Erde!“ (Jesaja 24:16)
  • Paulus: „Die Liebe … glaubt alles.“ (1.Korinther 13:7)

Wir halten fest: Wir wollen immer das „Drum-Herum“ der Textstelle beachten!

Natürlich musst du nach einiger Zeit nicht die ganze Bibel lesen, um einen kurzen Abschnitt aus dem Matthäusevangelium zu verstehen. Aber das sollte die Grundregel sein, die wir von hier mitnehmen: Wir legen einen Vers immer gemäß der Richtung seines Kapitels aus, und das Kapitel gemäß der Richtung des Buches.

Zwischenfrage: Kann es sein, dass wir beim Bibellesen manchmal nicht darauf achten, wo wir gerade sind? Die Bibel enthält zwar viele kürzere Geschichten, diese aber bilden zusammen eine große Erzählung. Wir sehen das gut an Stephanus, der von dem Alten Testament spricht und es als einen einzigen großen Bericht auffasst (Apg. 7, 1-53). Warum sollten wir in der Bibel weniger als eine große Erzählung sehen?

Jesus, Jesus, Jesus

Drittes Werkzeug: Jesus, Jesus, Jesus! Wenn du eine Stelle verstehen willst oder jemandem erklären willst, dann betrachte den Text und suche dort nach Jesus. Wir wissen, dass die ganze Bibel von Jesus handelt und spricht (Johannes 5:39). Und wir wissen, dass Gott sich am deutlichsten in seinem Sohn gezeigt hat (Hebräer 1:1-2). Also verstehe eine Textstelle bitte nicht gegen den Charakter von Jesus, das wäre nämlich falsch. Jesus liebte die Kaputten, Jesus verteidigte die Schwachen, Jesus verjagte den Satan, Jesus fand Gehorsam gegenüber Gott sehr gut, Jesus verstand die Bibel als Gottes Wort. Bitte nimm nicht einen Text und mache etwas aus ihm, was der Persönlichkeit unseres Herrn widerspricht – das kann nämlich nicht der Sinn sein. Wir können nicht einen Text der Bibel lesen und meinen, dieser sei weniger barmherzig (oder weniger heilig) als seine Hauptfigur. Als Jesus nach Emmaus lief und dort zwei seiner Jünger begleitete, zeigte er ihnen, dass sich das ganze Alte Testament um ihn dreht. Ich finde es so schön, wie die zwei Emmaus-Jünger reagierten, als sie in vielen Bibelstellen plötzlich Jesus sehen konnten. Sie sagten sich: „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Weg, und als er uns die Schriften öffnete?“ (Lukas 24:26) Wenn du in einem Text nach Jesus suchst und ihn dort findest, dann wirst du bzgl. deines Verständnisses vor vielen Fehlern bewahrt. Das Bibellesen wird uns auf eine erwachsene Art liebevoll machen. Paulus sagte es so: „Das Endziel des Gebotes aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ (1. Timotheus 1:5)

Liebe Leser, vielen Dank für euer Interesse! Beachtet diese drei kleinen Werkzeuge und ihr werdet viele Fragen direkt von der Bibel beantwortet bekommen.

Liebe Bibellehrer, vielen Dank für eure Arbeit! Danke, das wir von euch lernen dürfen. Hört nicht auf, euer Wissen weiterzugeben!

Liebe angehenden Bibellehrer da draußen, vielen Dank für euren Mut! Beachtet diese drei Werkzeuge, und ihr werdet stärker und präziser werden, und es wird den Menschen unter eurem Einfluss gut gehen.

Euer Heiko

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Heiko Sowadzki (23) hat Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet gerade an der Uni Gießen an seinem BWL-Master. Als fleißiger Leser der alten Prediger vergrößert er stetig seine Bibliothek, und über Dinge des Glaubens schreibt er selbst kurze Bücher. In seiner Freizeit mischt er gerne Musik ab oder widmet sich dem Kampfsport.

Kommentare zu “Wie verstehe ich die Bibel? Drei Faustregeln.”

  1. Rudi says:

    Danke, Heiko! Sehr verständlich geschrieben und gut nachvollziehbar!

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