Jesus und das Dekoblatt

28. September 2014 0 Antworten von Hanniel

Du sitzt am Tisch, vor dir ein reichhaltiges Essen. Fleisch, Beilage, Gemüse und eine leckere Sauce. Alles ist appetitlich angerichtet. Oben hat der Koch als visuelle Abrundung ein grünes Blatt aufgesteckt. Bevor du Messer und Gabel ergreifst, nimmst du mit der Hand das Blatt weg und legst es auf die Seite. Schliesslich ist es nur Dekoration.

So kommt es mir manchmal vor, wenn wir unseren Tag angehen. Das Hauptgericht – die täglichen Verrichtungen – verbringen wir ohne Jesus. Er gleicht in unserem gelebten Verständnis dem grünen Dekoblatt, das die Mahlzeit optisch abrundet. Sehen wir uns die einzelnen „Zutaten“ des Tages näher an. Ich orientiere mich an meinem Tagesablauf.

Früh morgens erwache ich. Meine Gedanken beginnen zu kreisen.

Deko: Ich lasse mich von den Gedanken treiben.

Mahlzeit: Ich trage die Gedanken ins Gebet. Nöte werden ihm geklagt, Psalmverse in Erinnerung gerufen, konkrete Ideen und Aufträge auf einen Zettel notiert.

Der Wecker ruft.

Deko: Ich bleibe liegen, bis ich in grösster Hetze ins Badezimmer eile.

Mahlzeit: Ich bete mit meiner Frau zusammen. Wir lesen uns gegenseitig einen Bibeltext vor. Ich erinnere mich an die Waffenrüstung.

Frühstück

Deko: Ich schiebe mir das fein gestrichene Brot ohne Überlegungen hungrig in den Mund.

Mahlzeit: Ich halte kurz inne, um meinem Vater für das Wunder der physischen Versorgung zu danken. Ich esse langsam.

Arbeitsweg

Deko: Ich lasse mich von den kurzen Meldungen und Bildern der Tageszeitung treiben.

Mahlzeit: Ich lese einige Abschnitte aus der Bibel oder schliesse nochmals die Augen, um zu beten und Kraft zu sammeln.

Arbeit

Deko: Ich arbeite die Aufgaben ab.

Mahlzeit: Bei der Strukturierung des Arbeitstags bitte ich Gott um seinen Segen. Vor einzelnen Telefonaten und Treffen bitte ich um Gelingen. Wenn ich traurig oder wütend werde, erinnere ich mich daran, dass Gott mir den Widerstand zur Charakterentwicklung widerfahren lässt.

Mittagspause

Deko: Mit dem Handy in der Hand nehme ich hastig meine Mahlzeit ein.

Mahlzeit: Wenn ich die Zeit habe, suche ich einen Platz im Freien auf. Ich bete kurz für meine Familie, für die Gemeindefamilie und das weltweit verfolgte Volk Gottes.

Nachmittagsloch

Deko: Ich bringe mich mit Kaffee und Süssigkeiten wieder in Form.

Mahlzeit: Wenn ich die Zeit habe, gönne ich mir einen kurzen Mittagsschlaf. Ansonsten anerkenne ich, dass mein Körper ein langsameres Tempo braucht.

Kontakte

Deko: Ich kümmere mich um mich selbst.

Mahlzeit: Ich überlege kurz, ob und wie ich hinter die Fassade sehen kann.

Heimfahrt

Deko: Ich mülle mich mit Impulsen aus den sozialen Medien zu.

Mahlzeit: Ich überlege, ob ich einen Teil zu Fuss gehen kann. Vor der Haustüre halte ich kurz inne, um für Kraft für den Abend zu bitten.

Abendbrot

Deko: Ich lasse meine Laune an der Familie aus.

Mahlzeit: Ich berichte von Geschehnissen des Tages, frage nach. Wir reichern das Abendessen um einen geistlichen Impuls an.

Vor dem Schlafengehen

Deko: Ich lasse meinen Ordnungsdrang überborden.

Mahlzeit: Ich lese den Jungs etwas vor und verbringe Zeit im Gespräch mit meiner Frau.

Eine solche Konkretisierung birgt eine doppelte Gefahr: Die einen leiten eine Regelliste ab, für die sie sich entweder auf die Schulter klopfen oder an der sie verzweifeln können. Diese Liste ist dann das Abbild unseres selbst geschaffenen Ideals. Darum geht es mir nicht. Dein Tag wird anders aussehen. Gott hat dich mit einem anderen Temperament und anderer Begabung ausgerüstet. Du stehst in einer anderen Lebensphase. Ich frage: Was könnte sich in deinem Tagesablauf ändern, dass Jesus nicht mehr dem Dekoblatt gleicht?

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.
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