Wir Liebestöter

02. November 2014 0 Antworten von Lars

Während dem Abi habe ich ab und an die NEON gelesen, weil das hip und cool und manchmal auch wirklich interessant war. Das ist nun schon 9 Jahre her (Hilfe ich werde alt 🙂 ). In der Zwischenzeit scheint NEON jeden Monat das gleiche Heft herauszubringen. Auf dem Titelblatt geht es fast immer um Beziehung / Liebe / Sex / DritteWelt / SocialMedia usw.

An der Tanke blieb mein Blick letztens jedoch äußerst interessiert an der aktuellen Ausgabe hängen: LIEBESTÖTER steht da drauf. Ich war äußerst interessiert und kaufte die Ausgabe. Die Autorin Meredith Haaf wirft darin folgende Frage auf:

„Warum sind wir […] unseren Partnern gegenüber so streng, fordernd und ungeduldig? Warum bringen wir für Freunde, entfernte Bekannte oder Fremde in der U-Bahn mehr Geduld, Höflichkeit, und Wohlwollen auf als für die Menschen, die uns doch angeblich am wichtigsten sind auf der Welt?“

Nähe und Erwartungshaltung

Die große Nähe zum Partner geht einher mit der Bildung einer Erwartungshaltung an das Gegenüber, das Nebenprodukt der (enttäuschten) Erwartungen sind „…die ganzen kleinen, unnötigen Konflikte, Seitenhiebe…“ die an der Liebe zehren. Die Erwartungshaltungen entspringen aus dem Drang nach Selbstverwirklichung. Die Beziehung wird dadurch zum Sprungbrett für die eigenen Geltungsbedürfnisse. Wenn die Federn des Sprungbretts jedoch rosten, finden wir die Beziehung bald gar nicht mehr toll. Die Autorin stellt treffend fest: „Selbstverwirklichung durch andere ist […] kein erfolgversprechendes Konzept.“ Ich ergänze: Weder für das Ziel der Selbstverwirklichung noch für die Beziehung.

Neulich in der FAZ schrieb Markus Günther: „Die Paarbeziehung ist die Fortführung der Egozentrik mit anderen Mitteln“. Die Scharfsinnigkeit der Analyse und die strukturelle Anlehnung an den berühmten Clausewitz Ausspruch machen den Satz zum Jahrhundertzitat.

Gemeint ist: Wenn ich einen Partner will damit er/sie meine Wünsche erfüllt, dann ist meine Grundmotivation für die Beziehung egoistisch. Das Wesen der Paarbeziehung verlangt aber das Zurückstellen des eigenen Egos. Wenn die Beziehung in erster Linie nur wegen der eigenen Ego-Geilheit eingegangen wird, muss es zwangsläufig krachen.

Dazu noch mehr von Herrn Günther:

„Jeder erfahrene Psychologe und Therapeut kann ein trauriges Lied davon singen, welche seelischen Verwüstungen der Götze Liebe hinterlässt. Denn die Heilserwartung kann sich nicht erfüllen. Erlösung – das heißt: die Befreiung des Menschen aus den Fesseln der conditio humana – kann es nicht durch einen anderen Menschen geben. Wer sich von der Liebe den Himmel auf Erden verspricht, wird sich (und anderen) das Leben zur Hölle machen.

Maßlose, ins Religiöse gesteigerte Erwartungen überfordern alle Beteiligten und führen zu bitteren Enttäuschungen. Dem Höhenflug der Gefühle (wenn man es überhaupt so weit schafft) folgt ein jäher Sturz mit hartem Aufprall. Der anfangs noch angehimmelte Erlöser erweist sich auf Dauer als recht launischer Mensch, der gemeinsame Alltag als Gedulds- und Demutsübung im emotionalen Auf und Ab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis man außer den hinreißenden auch die irritierenden Seiten des Partners kennenlernt. Liebe auf Dauer lässt nichts Menschliches aus. Dann ist Liebe plötzlich mehr eine Aufgabe als ein Gefühl.“

Wir brauchen christliche Liebe

Wie kommen wir aus diesem Schlamassel heraus?

  • Erstmal müssen wir erkennen, dass wir nicht das Zentrum des Universums sind. Wir sind nicht Gott! Und Anbetung steht uns nicht zu; auch nicht von unserem Partner.
  • Wir beginnen, unser Gegenüber höher zu achten als uns selbst. Wir sind uns unserer eigenen Niedrigkeit vor Gott bewusst und verlieren daher unser Anspruchsdenken. Laut Jesus sollen wir uns selbst verleugnen. Das Ziel der Selbstverleugnung ist nicht, die selbstsüchtigen Wünsche des Anderen zu befriedigen. Das wäre fleischlich. Das Ziel der Selbstverleugnung ist es, den Anderen gemäß der Gnade und den Geboten Gottes zu behandeln – auch wenn er/sie dies umgekehrt nicht tut.
  • Jedes Mal (7×70) wenn unser Gegenüber gegen uns sündigt, sollen wir sofort vergeben. Die christliche Liebe sagt nicht: „Ich bin nett zu dir, weil du nett zu mir bist“. Die christliche Liebe sagt: „Ich vergebe, weil mir vergeben wurde.“

Mögen wir alle diese Liebe haben.

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Lars Reeh (Jg. 1986) ist Lehrer und geht in die BERG in Gießen. Er interessiert sich für die Überschneidungsfelder von Theologie und Kultur (besonders Apologetik und Pädagogik).
Keine Antworten zu “Wir Liebestöter”

Hinterlasse eine Antwort