Wer sagt mir, was ich wollen soll?

20. November 2016 3 Antworten von Hanniel

Iss, Mann!

Adam4d.com Cartoon Adam4d.com ist mein frommer Lieblings-Comic-Darsteller. Er ist Meister darin, schwierige theologische Fragen in kurzen Dialogen abzubilden.[1] Hören wir einem Zwiegespräch zu, das am gedeckten Tisch geführt wird.

Ich wünschte, Gott würde zu mir sprechen. Aber egal wie oft ich frage, ich bekomme keine Antwort. Es ist entmutigend. – Wenn du willst, dass Gott zu dir spricht, lies einfach die Bibel. Gott hat bereits gesprochen. Zu jedem von uns. Die Bibel ist das Wort Gottes, lebendig und aktiv. Es ist Gott selbst, der zu uns spricht. – Ja, ja ich weiß schon, aber ich will, dass Gott hier und jetzt zu mir spricht. Nur zu mir. Ich möchte Gottes Stimme hören. Ich will, dass er mir ein unmissverständliches Wort oder Zeichen gibt. Weißt du, was ich meine? – Ich weiß genau was du meinst, aber das Problem mit dem, was du sagst ist… Es ist, wie wenn du vor einem großen, köstlichen Mahl sitzt, mit dem dich deine Frau überrascht hat. Sie hat es freiwillig nur für dich gekocht. Selbst wenn du sie schrecklich behandelst oder sie betrogen hast – du sitzt vor diesem riesigen Mahl. Aber anstatt zu essen, sagst du zu deiner Frau immer wieder: … – Ich verhungere. Ich wünschte meine Frau würde mir etwas zu essen kochen. – Iss, Mann!

Zurück vom Esstisch zu uns: Wir wachsen in einer Welt der Unterhaltung heran. Das kleine Kind trifft täglich hunderte von kleinen Entscheidungen. Welcher Kontakt ihm besser gefällt, welches Essen besser schmeckt, welche Kleidung sich besser anfühlt, welche Sendung es am liebsten guckt, welches Spiel auf dem Tablet es am liebsten spielt. Auf diese Weise werden wir zu Konsumenten erzogen. Jeder kann für sich bestimmen: Das gefällt mir oder gefällt mir nicht. Der Like-Button ist nicht umsonst Markenzeichen der sozialen Netze. Dann kann es doch kein Wunder sein, dass wir diese Erwartungshaltung auch und gerade auf unser Leben mit Gott übertragen. In der Formulierung „mein Leben mit Gott“ versteckt sich unser Selbstverständnis: Ich bewege mich in meinem Kosmos. Ich bin der Hauptdarsteller auf der Bühne meines Lebens. Gott ist ein zugegeben mächtiger Player auf dieser Bühne, der dafür zu sorgen hat, dass es mir gut geht. Er soll mir ab und zu eine Privatvorstellung geben.

Wer also sagt mir, was ich wollen soll? Um diese Frage zu beantworten, beschäftigen wir uns mit:

  • Zwei Hindernissen, die unser Wollen betreffen
  • Zwei Voraussetzungen, um diese Hindernisse zu beseitigen
  • Drei Beispielen, wie wir wollen sollen

Zwei Hindernisse unseres Wollens

Hindernis #1: Das Zepter trägt ein anderer.

Lass mich gleich zu Beginn klarstellen: Gott sagt mir nicht für jede Alltagsentscheidung, was ich wollen soll. Er teilt mir das Wesentliche mit, das ich wollen soll. Nämlich alles, was ich für ein Leben benötige, das ihm gefällt (vgl. 2. Petr 1,3).

Was das „Gott gefallen“ angeht, steht jeder Mensch grundsätzlich in einer unmöglichen Lage. Nach Römer 11,36 ist alles von ihm erschaffen. Das heißt es existiert nur, weil er es wollte. Es besteht zudem jeden Moment durch ihn. Etwas dramatisch ausgedrückt: Jeder Atemzug könnte mein letzter sein. Alles ist für ihn geschaffen. Das ist die logische Folge daraus. Alles Geschaffene ist für ihn da und auf ihn ausgerichtet.

Das bedeutet: Er hat von Anfang an das vollständige Verfügungsrecht über uns. Wir befinden uns auf seiner großen Bühne. Unser Leben ist so oder so auf ihn bezogen. Das bedeutet auch, dass es keinen beziehungslosen Zustand zu Gott gibt. Es gibt bloß zwei Arten der Beziehung: Rebellion oder Unterordnung.

Halten wir fest: Gott hat uns gemacht. Wir sind für ihn da. Er hält das Zepter in der Hand. Er lässt sich auf keinen Fall manipulieren.

Hindernis #2: Ich will aber nicht.

Wir wollen von uns aus gar nicht so leben, wie er will. Das ist unser Grundproblem. Die Position, in der wir uns von Geburt aus vorfinden, ist die der Rebellion. Wir wollen uns ihm nicht unterordnen.

Die Bibel nennt dies Sünde. Sünde ist in erster Linie keine Handlung, sondern Zustand, in dem wir uns von Anfang an vorfinden. „Der menschliche Eigenwille steht dem Willen Gottes feindlich gegenüber; er unterstellt sich dem Gesetz Gottes nicht und ist dazu auch gar nicht fähig.“ (Röm 8,7 NGÜ) Darum ruft David aus: „Wenn du, o Herr, Sünden anrechnest, Herr, wer kann bestehen?“ (Ps 130,3) „Vor dir ist kein Lebendiger gerecht!“ (Ps 143,2)

Aus dieser Lage können wir uns nicht aus eigenen Kräften befreien. Vielleicht wendest du ein: „Aber ich kann wohl gute Dinge tun. Ich kann anständig leben, mich für das Wohl der anderen einsetzen.“ Ich spreche dir keinen Augenblick ab, dass du imstande bist, noble Vorhaben umzusetzen. Der springende Punkt jedoch ist: So wie eine Quelle, die an ihrem Ursprung vergiftet ist, dieses Gift in den Fluss trägt, oder wie ein Ast von dem lebt, was die Wurzeln aufsaugen, so finden wir uns von Geburt an in der Sünde wieder. Es geht nicht um die äußerliche Qualität dessen, was wir tun, sondern vielmehr um Motive (wir sind auf uns selbst gerichtet) und um unseren Maßstab (wir definieren einen eigenen).

Zwei Voraussetzungen, um zu wollen

Voraussetzung #1 Eingeständnis: Wir können von uns aus nicht wollen.

Es braucht unser Eingeständnis, dass wir vor Gott in großer Not und Elend sind. Wir stehen in einem Zustand des Widerstands. „We want to do it our way.“ Wir wollen es auf unsere Weise tun. Wir sind von uns aus „tot in Sünden“ (Eph 2,3).

Im Kleinen Kinderkatechismus, den ich in meiner Familie durcharbeite, stehen mehrere Fragen zur Sündenerkenntnis. Um aus dem Zustand herauszukommen, brauchen wir jemanden, der uns von außen her rettet. Der uns zum Leben erweckt und uns Licht über unseren wahren Zustand schenkt. Die Bibel sagt, dass dies das Werk des Heiligen Geistes ist (Joh 16,8). Von uns aus schrecken wir vor diesem Licht zurück. Weshalb? Jesus sagt: „Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse.“ (Joh 3,19)

Seine freie, unverdiente Zuwendung bringt uns dazu, doch auf uns selbst zu blicken und in Entsetzen und aufrechte Reue über unseren Zustand zu geraten. Der Katechismus spricht davon, dass wir unsere Sünde hassen und sie aufrichtig bereuen. Dass dies noch heute geschieht, bestätigt das Zeugnis dieser jungen Frau:

Bevor Gott mit 18 Jahren mein Leben in eine andere Richtung drängte, führte auch ich, als Kind aus gläubigem Elternhaus, ein eher schläfriges Christsein. Zwar ging ich gerne zu jeder nur möglichen „christlichen“ Veranstaltung, jedoch hatte ich kein Verlangen danach die Bibel zu lesen und kannte das Evangelium nur sehr oberflächlich. Es gibt keinen Grund, wieso Gott mir gnädig war, aber er war es: als ich eigentlich keine besondere Lust hatte eine Predigt zu hören, stieß mich jemand auf die Predigt „Shocking Youth Message“ von Paul Washer.[2] Bis zu diesem Tag, hatte ich noch nie eine Predigt dieser Art gehört. Ich kannte nur den „Wohlfühl-Glauben“ und war wahrhaft schockiert. Gott erweckte in mir einen wachsenden Hunger nach mehr Wahrheit und Christuserkenntnis. Ich freue mich darüber, dass Gott liebevoll souverän in vieler Menschen Leben eingreift und sich selbst (ohne ihren Verdienst) viele eifrige junge Nachfolger schafft, die seinen Liebesbrief nicht nur einmal lesen wollen, sondern am liebsten gar nicht mehr aus der Hand geben.[3]

Voraussetzung #2 Das neue Leben: Sollen kann zum Wollen werden.

Wenn der Heilige Geist „in eine andere Richtung drängt“, erwachen wir aus dem geistlichen Tod und erleben eine neue Geburt. Paulus braucht dafür ein drastisches Bild: Wir sind mit Jesus gestorben, begraben und auferstanden (Eph 2,1-5). Wir sind wie Tote, die ins Leben zurückkommen.  Wir sollen in unserem Denken und Tun jetzt so leben, als seien wir schon gestorben, im Himmel gewesen und als Auferstandene wieder zurückgekommen.

Diese Wende ist so zentral, dass sie die Bibel als neue Geburt oder als Geburt von oben (Joh 3,3.5) bezeichnet. Wer mit der Sünde gebrochen hat, will sich „nicht mehr von menschlich-selbstsüchtigen Wünschen bestimmen zu lassen, sondern vom Willen Gottes. Ihr habt ja in der Vergangenheit lange genug das getan, wonach Menschen der Sinn steht, die Gott nicht kennen. Ausschweifungen gehörten dazu, das Ausleben eurer Begierden, Alkoholexzesse, Schlemmen und Saufen und abstoßender Götzendienst.“ (1. Petr 4,2-3)

Wir sind geprägt von unserem säkularen Freiheitsbegriff. Wir meinen, wenn wir nur auf uns achten müssten, fänden wir zur größtmöglichen Verwirklichung. Weit gefehlt: Die größte Befreiung unseres Lebens ist die neue Geburt und unser neues Leben in Christus. Der Trugschluss von „Freiheit“ besteht darin, dass wir meinen, wir seien frei. Das stimmt nicht. Wir sind versklavt an die Sünde. Es gibt keinen Menschen, der sich nicht einem Gesetz unterordnen muss (Röm 6). Entweder steht er unter der Herrschaft der Sünde oder unter der Herrschaft der Gerechtigkeit.

Jetzt kommen wir zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Gottes Gesetz zu hassen und seine Ordnungen abzulehnen bedeutet Gott selbst zu hassen. Denn seine Ordnung spiegelt seine eigene Natur wider![4]

Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst!

Wer meint, Christus befreie uns von seiner eigenen Ordnung, irrt sich gründlich. „Wer mich liebt, wird meine Gebote halten.“ So ruft der Apostel der Liebe, Johannes, zwölfmal in den Evangelien und in den Briefen. Er fügt noch hinzu: Seine Gebote zu halten, ist nicht schwer (1. Joh 5,3). Das Geheimnis dafür lautet: Der Heilige Geist erfüllt uns mit dem Verlangen, seiner Ordnung nachzustreben. Der Kirchenvater Augustinus hat diese Wahrheit genial in einen Satz verpackt, den er in seinem Lebenszeugnis, den „Bekenntnissen“ mehrmals äußert: „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst!“ Er selbst gibt uns das, wozu er uns auffordert. Er schreibt uns also kein Sollen vor, ohne das Wollen mitzugeben. Er schenkt uns zuerst den Willen und dann das Verlangen, diesen Willen zu tun.

Drei Beispiele: Was Gott will

„Gott will, dass ihr heilig lebt.“ (1Thess 4,3) „Der, der euch berufen hat, ist heilig; darum sollt auch ihr ein durch und durch geheiligtes Leben führen.“ (1. Petr 1,15) Heilig leben heißt unser Leben in allen Bereichen an seine Ordnung anzugleichen. Dafür müssen wir uns neu orientieren. Es geht nicht in erster Linie darum, Dinge zu vermeiden, sondern das Bessere wertzuschätzen. John Piper, Pastor und Vollblut-Verkündiger des Evangeliums, schreibt:

Menschen, die mit der Vermeidungsethik zufrieden sind, stellen im Allgemeinen die falschen Fragen in Bezug auf das Verhalten. Da heißt es: Was ist daran falsch? Was ist falsch an diesem Film? Oder dieser Musik? Oder diesem Spiel? Oder diesen Freunden? Oder dieser Entspannungsmethode? Oder dieser Investition? Oder diesem Restaurant? Oder diesem Geschäft? Was ist falsch daran, jedes Wochenende zu meiner Freizeithütte zu fahren? Oder überhaupt eine zu besitzen? Derartige Fragen werden kaum eine Lebensweise hervorbringen, die Christus verherrlicht und Menschen in Gott glücklich macht. Sie führen zu einer Reihe von Verboten und tragen zur Vermeidungsethik bei. Weitaus besser sind folgende Fragen: Wie kann mir das helfen, Christus mehr zu schätzen? Wie kann ich dadurch zeigen, dass ich Christus liebe? Inwieweit ist es hilfreich, um Christus besser kennen zu lernen und ihn in meinem Leben widerzuspiegeln? Die Bibel sagt: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder sonst etwas tut, tut alles zur Ehre Gottes!“ (1. Kor 10,31). Somit ist die Fragestellung in erster Linie positiv und nicht negativ: Wie kann ich Gottes Herrlichkeit durch diese Handlung darstellen? Wie kann ich Gott durch dieses Verhalten groß machen? (John Piper, Dein Leben ist einmalig, S. 133)

Erst jetzt kann ich konkret werden. Ohne die neue Geburt durch den Heiligen Geist wäre das, was folgt, eine hohle Rede. Pures Moralin. Bloße Verhaltensverbesserung. Wir schöpfen aus dem neuen Leben in Christus Kraft zu einer Umgestaltung unseres gesamten Lebens. Es wird unser Wunsch, Gottes Herrlichkeit widerzuspiegeln. Kevin DeYoung, US-amerikanischer Pastor und Autor, vergleicht den Prozess der Heiligung mit Camping. Die Vorstellung vom abendlichen Lagerfeuer mag angenehm sein. Doch wenn es regnet und alles matschig und feucht ist, gibt man die Kids oder Kollegen gerne beim Camp ab, um wieder in den warmen Wagen zu steigen und in die geheizte Wohnung zurückzufahren. Ich buchstabiere an drei Lebensbereichen aus, was es bedeutet, um Christus und seiner Freude willen trotzdem das Zelt aufzubauen.

Lebensbereich #1: Geld

Wer heilig lebt, dessen Verhältnis zu Geld wird sich grundlegend ändern. Paulus schreibt: „Wer jedoch darauf aus ist, reich zu werden, verfängt sich in einem Netz von Versuchungen und erliegt allen möglichen unvernünftigen und schädlichen Begierden, die dem Menschen Unheil bringen und ihn ins Verderben stürzen. Denn die Liebe zum Geld ist eine Wurzel, aus der alles nur erdenkliche Böse hervorwächst.“ (1Tim 6,9-10) Achten wir auf die Formulierung: Wer darauf aus ist reich zu werden… Er spricht also den Antrieb an.

Vor einigen Monaten führte ich ein Gespräch mit einem jungen Mann. Er sagte mir, dass er gemerkt habe, dass er bisher ein falsches Ziel angesteuert habe. Er wollte einfach viel Geld verdienen und reich werden. Ich fragte ihn, weshalb. Nach einem kurzen Moment des Schweigens antwortete er: „Weil ich Beachtung finden wollte.“ Paulus ruft uns zu: Durch Geldliebe entsteht eine Vielzahl an schädlichen Folgewirkungen. Diese können einen Sog entwickeln, der uns von Christus fortreißt.

Nur wenig später spricht Paulus zu reichen Menschen. „Wer reich ist, setze nicht auf die Unbeständigkeit des Reichtums.“ Wem Gott Reichtum anvertraut, der stütze sich nicht darauf ab. Dafür: „Wer reich ist, sei eifrig in guten Werken.“

Ich seufze mit John Piper über „die belanglosen Freizeitbeschäftigungen, mit denen so viele Menschen ihre Zeit vergeuden – mich selbst eingeschlossen. Denken Sie nur an die Bedeutung des Sports, der ja einen großen Teil der Tageszeit einnimmt. Aber Gott wird kein Raum gegeben. Denken Sie an die unzähligen Dinge, mit denen Sie Ihr Zuhause und Ihren Garten bequemer und imposanter machen können. Oder denken Sie an das viele Geld, das Sie für ein größeres Auto ausgeben können, als Sie eigentlich benötigen. Denken Sie an die Zeit, die Energie und die Gespräche, die Sie in Unterhaltung und Freizeit investieren. Und zu alldem kommt jetzt noch der Computer hinzu, der auf künstliche Weise genau diejenigen Spiele neu erschafft, die von der Realität bereits so weit entfernt sind; es ist wie eine vielschichtige, belanglose Traumwelt, die sich zu absoluter Bedeutungslosigkeit ausweitet.“ (John Piper, Dein Leben ist einmalig, S. 124) Wie kann die Neuorientierung beginnen? Vielleicht mit dieser Bitte: Vater, erneuere unser Verlangen. Du sagst uns, dass wir nicht nach Reichtum streben sollen. Und wenn uns solcher anvertraut wird, sollen wir nicht darauf setzen, sondern ihn als gute Verwalter einsetzen.

Lebensbereich #2: Sex

Wer heilig lebt, dessen Verhältnis zur Sexualität wird sich grundlegend ändern. „Gott will, dass ihr heilig lebt.“ Dieser Satz steht in einem bestimmten Zusammenhang. Paulus spricht vorher von seinem Wunsch, dass die Gemeinden, an die er schrieb, noch mehr im Verlangen zunehmen, Gott wohlgefällig zu leben (1. Thess 4,1). Er erinnert sie deshalb an die Gebote, die er ihnen gegeben hatte (V.2). Ich hoffe, dass ihr den Ausdruck „Gebote“ jetzt besser einordnen könnt. Der von Gott erneuerte Mensch entwickelt Verlangen, diesen Geboten nachzueifern. Er realisiert, dass sie das Beste sind, was es gibt.

„Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr euch der Unzucht enthaltet.“ Paulus wendet den ausdrücklichen Willen Gottes auf einen wichtigen Lebensbereich an: Die Sexualität. „Unzucht“ bezeichnet jede sexuelle Handlung vor und außerhalb der Ehe.[5] Er fügt hinzu: „Jeder von euch muss lernen, Herr über seine Triebe zu sein, denn euer Leben gehört Gott, und die Menschen sollen Achtung vor euch haben. Lasst euch nicht von Begierden und Leidenschaften beherrschen wie die Menschen, die Gott nicht kennen. Keiner darf in diesen Dingen die von Gott gesetzten Grenzen überschreiten und seinen Bruder betrügen. Denn für alle solche Vergehen wird der Herr die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Im Übrigen wiederholen wir mit dieser Warnung nur, was wir euch schon früher gesagt haben. Gott hat uns dazu berufen, ein geheiligtes Leben zu führen und nicht ein Leben, das von Sünde beschmutzt ist. Wer diese Anweisungen missachtet, missachtet daher nicht einen Menschen, sondern den, der euch seinen Heiligen Geist schenkt  – Gott selbst. “ (1Thess 4,3-8)

Die Gesellschaft ist sich darüber einig: Sexualität ist Privatsache. Sie geht niemanden etwas an. Weit gefehlt: Wie ich heute lebe, wirkt sich auf meine spätere Ehe, auf Kinder, die ich mit dem Ehepartner haben werde, auf den Gesundheitszustand der Kirchgemeinde und sogar auf unseren Staat aus. Dies wird besonders deutlich, wenn wir den emotionalen und finanziellen Schaden bedenken, der entsteht, wenn eine Ehe auseinanderbricht. Seien wir ehrlich: Sexuelle Sünde betrifft natürlich in erster Linie unseren Körper und unsere Seele. Sie zieht jedoch weitere Kreise. Paulus wird sehr eindringlich: Gott ist Rächer in dieser Sache. Wer seine Ordnung missachtet, verwirft ihn selbst!

Ich erachte das Gebiet der Sexualität als eine der größten Hindernisse für ein Gott gefälliges Leben. Ähnlich wie zu Paulus‘ Zeiten ist die aktuelle Sexualmoral sehr weit von Gottes Ordnung entfernt. Durch das Internet hat die Entwicklung eine neue Wende genommen. Studien zeigen, dass ein großer Teil der jungen Männer und zunehmend auch der jungen Frauen – und leider auch der Kinder – von Internetpornografie betroffen sind. Das ist hier nicht mein Hauptthema, darum nur so viel: Vor dem Computer sind wir nur vermeintlich alleine. Wir leben jeden Moment vor dem Einen Zuschauer. Der Schmutz beeinflusst unsere Freude an Gott und seinen Geboten, aber auch unsere Freude und Erfüllung in einer Ehe oder als Single maßgeblich. Wie ein Ölfilm breitet er sich über unser Inneres aus und hinterlässt Langzeitschäden. Eine der gravierendsten Folge ist die Weitergabe solcher Lebensgewohnheiten an die nächste Generation! Auch und gerade, wenn du dein Treiben niemanden wissen lässt.

Ich möchte diesen Bereich nicht verlassen ohne zwei Hinweise für „Erste Hilfe“. Zuerst: Bitte Gott, dein Verlangen und die Abscheu vor der Sünde zu stärken. Zweitens: Bekenne deinem Partner, wenn du in einer Beziehung bist, sowie einer geistlichen reifen Person deine Sünde. Ich empfehle außerdem das wunderbare Buch Endlich frei! Pornografie – Der Kampf um Reinheit in der Kraft der Gnade! von Heath Lambert.[6]

Lebensbereich #3: Leid

Wer heilig lebt, dessen Verhältnis zu leidvollen Situationen wird sich grundlegend ändern. „In unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft hat sich zunehmend die Mentalität durchgesetzt, dass wir eine schmerz- und sorgenfreie Existenz verdienen. Bietet uns das Leben das Gegenteil, haben wir nicht nur das Recht, jemand anderem oder irgendeinem System die Schuld zu geben und uns zu bemitleiden. Vielmehr beschäftigen wir uns dann auch die meiste Zeit damit, sodass keine Zeit oder Energie mehr für den Dienst an anderen Menschen übrig bleibt.“[7] „Eines der auffälligsten Merkmale unserer Zeit ist emotionale Zerbrechlichkeit. Sie liegt in der Luft. … Wir können leicht verletzt werden. Wir schmollen und bemitleiden uns leicht. Wir schieben Schuld ohne weiteres ab. Wir brechen schnell zusammen. Auch unsere Ehen sind äußerst zerbrechlich. Unser Glaube kann schnell zerbrechen. Unser Glück zerbricht bereits bei ersten Prüfungen. Und unsere Treue gegenüber der Gemeinde ist stark gefährdet.“[8]

Petrus schrieb seinen ersten Brief u. a. mit dem Anliegen, Christen darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Lebensweg mit Leid verbunden sein würde. Er schreibt: „Daher sollen auch die, welche nach dem Willen Gottes leiden, ihre Seelen ihm als dem treuen Schöpfer anvertrauen und dabei das Gute tun.“ (1. Petr 4,19) Die Geschichte der christlichen Kirche von Beginn bis in die Gegenwart zeigt, dass das Evangelium durch leidvolle Erfahrungen ausgebreitet wird. Die ersten Christen wurden aus Jerusalem gejagt und verkündigten das Evangelium (Apg 8,4). Später mussten die neu bekehrten Christen gelehrt werden, dass der Eingang in Gottes Reich mit vielen Mühen verbunden sein würde (Apg 14,22). Christus selbst hat uns mit seinem Dienst und seinem Tod den Weg des Leidens vorgezeichnet (1. Petr 2,21).

Wir haben also richtig gehört. Es gibt Leid nach dem Willen Gottes. Zwei Dinge legt uns Petrus ans Herz: Wir sollen uns unserem treuen Schöpfer anvertrauen. Er hat uns geschaffen und unser Leben in der Hand. Er bleibt sich und damit auch uns treu. Wir können uns in keine besseren Hände begeben. Das zweite: Wir hören nicht auf das Gute zu tun. Wir fahren in dieser seiner Kraft unbeirrt weiter.

Über den Unterschied von Spaßbremse und Freudenkiller

Vielleicht denkst du jetzt: Och, Mann, hättest du uns nicht eine etwas leichtere Kost auftischen können? Um diesem möglichen Einwand zu begegnen, möchte ich euch gerne den Unterschied zwischen der Spaßbremse und dem Freudenkiller erklären. Das Beispiel meiner Frau zeigt das gut auf. Sie besorgt seit 14 Jahren den Haushalt mit Mann und fünf Buben. Sie unterrichtet zudem unsere Söhne. Immer wieder wird sie von anderen Frauen gefragt: „Macht dir dein Job Spaß?“

Führen wir uns kurz ihren Alltag vor Augen: Er dauert 16 Stunden, angefüllt mit der Doppelaufgabe von Familienmanagement und Unterricht auf fünf verschiedenen Lernstufen. Nein, es liegt kein Kino drin, auch kein Wellness-Wochenende. Es braucht Organisationstalent, um die vielen Termine zu koordinieren. Es bleibt kaum Zeit für den Zahnarztbesuch oder Kleiderkauf. Auf der Spaßebene ist das Muttersein nicht anzusiedeln.

Wenden wir uns der zweiten Kategorie zu. Mein ältester Sohn hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: „Mami, deine Tage sind zwar oft nicht spaßig, aber sie sind gefüllt von Freude.“ Ich kenne keine engagiertere Beterin als meine Frau. Sie betet sich förmlich durch den Tag. Sie weiß genau, dass sie es aus eigener Kraft nicht schafft. Als Ehemann stehe ich staunend daneben und beobachte, wie sie Gott „termingerecht“ versorgt. Das Gebet ist für sie eine lebenserhaltende Notwendigkeit. Sie ist die „Pipeline von oben“ mitten im Gefecht des Alltags.

Es fehlt meiner Frau an der Zeit, an der Muße und auch an den Mitteln, um in der Spaßgesellschaft mitzuziehen. Doch was lehrt uns das alttestamentliche Buch des Predigers? Wer den Spaß sammeln muss, wird davon nie satt. Der Liebestank bleibt leer, darum muss er zumindest jedes Wochenende neu mit Spaß gefüllt werden. Nur ein Leben durch die Kraft Gottes eröffnet wahren Genuss. In den Psalmen lesen wir oft von der Daseinsfreude eines Menschen, der von Gott gesättigt ist (z. B. Ps 73,25). Meine Frau gehört zu dieser Gruppe. Viele Menschen beklagen, dass sie Gott nicht erleben. Die Schlussfolgerung aus dem Vergleich wäre: Erst wenn die Spaßfaktoren wegfallen, zeigt sich, ob das Leben aus der Fülle der wahren Freude gespeist wird. Deshalb: Wählt lieber die Spaßbremse, damit eure Freude nicht „gekillt“ wird!

Nach dem Willen Gottes leben und sterben

In Führungsseminaren wird ab und zu die Frage gestellt: Was soll auf deinem Grabstein stehen? Dahinter steckt die Überlegung: Das, was du heute tust, soll davon getragen sein, wo du einmal landen möchtest. Seit ungefähr einem Jahr weiß ich, wie mein Spruch aussehen soll. Ich bin über einen Vers gestolpert, Apostelgeschichte 13,36. Dort steht von David, dass er nach dem Willen Gottes gelebt hat und gestorben ist. Davids Leben war kein geradliniges und schon gar kein mustergültiges. Aber es war von dem Wunsch durchdrungen, seinen Willen zu tun.

Machen wir es uns nicht zu schwierig. Wir sitzen vor einem fetten Mahl, so wie der Cartoonist gezeichnet hat. Gott zeigt uns durch sein Wort auf, was uns hindert zu wollen, wie er selbst diese Hindernisse beseitigt und uns den Willen schenkt, unser gesamtes Leben neu auszurichten. Für jeden einzelnen Schritt sind wir dabei von seiner Gnade abhängig. Welcher mutige Schritt von dir und von mir ist gefragt?

Gebet

König des Himmels, Herr der Jahre, Herrscher über jedes einzelne Leben. Gib uns deine Sicht, dass wir verstehen, wie wir dir gefällig leben sollen. Zuerst einmal schenke uns Einsicht über unser Elend. Wir gestehen: Wir wollen uns dir nicht unterordnen. Eher gefallen wir uns in unserem Eigenwillen. Darum wirke du Abscheu über unsere Sünde und den sehnlichen Wunsch, uns davon abzukehren. Sende dein Licht und deine Wahrheit in unser Leben. Gib uns das Verlangen für dich zu leben. Durch die Kraft des Evangeliums verändere du unseren Umgang mit Geld, Sex und leidvollen Situationen. Wo wir in falscher Zufriedenheit dahindümpeln, säe in uns eine heilige Ruhelosigkeit, wo Entmutigung niederdrückt, gewähre uns neue Frische in unsere Herzen. Verändere du unser Leben.

In Jesu Namen, Amen.


[1] Der vollständige Comic findet sich im Original unter: God already HAS spoken. [Stand: 26.02.2016]. Die Übersetzung des Dialogs findet sich hier. [Stand: 26.02.2016].

[2] Paul Washer. The Shocking Message. [Stand: 15.04.2016].

[3] https://waitingathisdoorway.wordpress.com/about/ [Stand: 20.04.2016].

[4] „To hate all rules is to hate God himself who ordained his rules to reflect his nature.“ Kevin DeYoung

[5] Eine gute Studie hierfür gibt es hier: Andreas Schnebel. Voreheliche Sexualität: Unzucht? [Stand: 20.04.2016]

[6] Kostenloser Download unter www.clv.de.

[7] John Piper. Beharrlich in Geduld. CLV: Bielefeld, 2010. S. 10.

[8] Ebd. S. 105-106

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.

Pingbacks & Trackbacks zu “Wer sagt mir, was ich wollen soll?”

  1. Aufsatz: Wer sagt mir, was ich wollen soll? | Hanniel bloggt. says:

    […] Josia – Truth for Youth ist meine Pfingstpredigt 2016 auf dem Jugendtreffen in Aidlingen erschienen. Hier kann sie auch […]

  2. 10 Fragen, die wir uns zum Jahresende stellen sollten – Hanniel bloggt. says:

    […] Richtig, in diesem Beitrag taucht immer wieder das Sollen auf. Der Hintergrund: Durch die Kraft von Gottes Geist kann das Sollen zum Wollen werden! […]

Hinterlasse eine Antwort