Sola Fide – Predigt zu Galater 3,1-22

15. Februar 2017 1 Antwort von Simon

„…in meinem Herzen regiert dieser eine Artikel, nämlich der Glaube an Christus, aus dem, durch den und in den alle meine theologischen Gedanken Tag und Nacht her- und hinfließen; und auch ist meine Erfahrung, dass ich von der Höhe und Breite und Tiefe einer solchen Weisheit nur einige schwache und ärmliche Anfänge und gleichsam Bruchstücke begriffen habe.“

Diese Worte stammen von niemand geringerem als Martin Luther. Er verfasste sie 1535 in der Vorrede zur Veröffentlichung seiner zweiten – 1531 gehaltenen – Vorlesung zum Galaterbrief. Fast zwei Jahrzehnte waren seit seiner ersten Vorlesung über den Galaterbrief 1516 bis 1517 vergangen, fast zwei Jahrzehnte seit seinem darauf folgenden Anschlag der 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche. Und noch immer, so schreibt er, regierte in seinem Herzen dieser eine Artikel: Der Glaube an Christus. Noch immer, so sagt er, ist es seine Erfahrung, dass er von der Höhe, Breite und Tiefe einer solchen Weisheit nur einige schwache und ärmliche Anfänge, ja bloß Bruchstücke begriffen habe.

Wie kommt es dazu, dass Luther den Glauben an Christus als so wichtig erachtet, dass er ihn über alle anderen Lehrsätze erhebt? Wie kommt es, dass für ihn im Glauben an Jesus eine solch tiefe Weisheit steckt, dass er meint, gerade einmal an der Oberfläche davon gekratzt zu haben? Was macht den Glauben für ihn so unglaublich wertvoll? Die Antwort ist schwierig und einfach zugleich. Schwierig, weil wir wahrscheinlich ganze Bücher mit Zitaten Luthers zu dieser Frage füllen könnten. Einfach, weil ich denke, dass wir dem Reformator nicht Unrecht tun, wenn wir die Antwort kurz und knapp folgendermaßen zusammenfassen: Unsere Errettung, unsere Rechtfertigung vor Gott, geschieht allein durch Glauben. Oder noch kürzer: Sola Fide.

Sola Fide bedeutet „Allein durch Glauben“ und war einer der wesentlichen Grundsätze der Reformation. Es war einer der großen Streitpunkte in der Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Kirche. Denn die Lehre der katholischen Kirche ist (auch heute noch), dass wir als Menschen durch Glauben plus Werke gerettet werden. Die Reformatoren hingegen bestanden darauf, dass wir allein durch Glauben gerettet werden.

Ich hoffe damit wird gleich zu Beginn deutlich, dass hinter dem lateinischen Ausdruck „Sola Fide“ nicht nur irgendein abstrakter, unwichtiger Dogmenkampf steckt. Nein, Sola Fide ist von größter Relevanz für jeden einzelnen von uns. Es ist eine ganz existenzielle, persönliche Sache: Dein ewiges Heil hängt davon ab! Reicht allein der Glaube, um vor Gott als gerecht zu bestehen? Oder muss ich selber irgendetwas tun, um gerettet zu werden?

„Wenn der Artikel von der Rechtfertigung darniederliegt, liegt alles darnieder“ schrieb Luther. Sola Fide war für ihn der Grundsatz, mit dem die Kirche steht und fällt.  Deshalb war er bereit, für diesen Grundsatz wenn nötig sogar den eigenen Tod auf sich zu nehmen. Die tiefe Überzeugung, dass die Rechtfertigung allein durch Glauben geschieht, und dass man deshalb für diese Wahrheit kämpfen sollte, wo immer sie in der Gefahr steht unterdrückt zu werden, kam bei Luther und den anderen Reformatoren nicht von irgendwoher – sie hatten sie direkt aus der Bibel, unter anderem aus dem Galaterbrief.

Luther liebte diesen kleinen Brief. Ja, er liebte ihn so sehr, dass er ihn sogar als seine „Käthe“, seine „kleine Katharina von Bora“ (das war der Name seiner Frau) bezeichnete. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass der komplette Galaterbrief mehr oder weniger eine Verteidigung von „Sola Fide“ ist. Paulus kämpft darin leidenschaftlich für diese eine Wahrheit: Unser Heil, unsere Errettung, kommt allein durch Glauben! Luther ist vor 500 Jahren einfach in die Fußstapfen des Apostels getreten und hat genau das gleiche getan. Wenn wir „Sola Fide“ verstehen wollen, können wir deshalb nichts Besseres machen, als uns intensiv mit der Botschaft des Galaterbriefes auseinanderzusetzen und einen der Kernabschnitte gründlich zu studieren, nämlich Kapitel 3,1-22.

Drei Argumente für Sola Fide

In diesem Abschnitt sehen wir, dass Paulus uns drei Argumente für Sola Fide liefert. Drei Argumente, die dafür sprechen, dass wir allein durch Glauben gerechtfertigt werden: (1) Die eigene Erfahrung, (2) das Beispiel Abrahams und (3) das Wesen des Gesetzes.

Bevor wir mit dem ersten Argument starten, brauchen wir jedoch noch ein paar Hintergrundinformationen zum gesamten Brief. Paulus hatte auf seiner ersten Missionsreise einige Gemeinden in Südgalatien, eine Gegend in der heutigen Türkei, gegründet. Er hatte den Menschen dort das Evangelium verkündet, die freimachende Botschaft, dass Jesus alles für uns vollbracht hat, und wir durch den Glauben an ihn ein- für allemal erlöst werden können. Etliche seiner Zuhörer kamen tatsächlich zum Glauben, wurden gerettet und es bildeten sich mehrere Gemeinden.

Irgendwann nach der Abreise von Paulus kamen jedoch Irrlehrer in diese christlichen Versammlungen und brachten falsche Lehren mit sich. Sie lehrten, dass man erlöst würde, wenn man an Christus glaubt und das Gesetz hält. Sie behaupteten z.B., dass es auch für die Heidenchristen nötig wäre, sich beschneiden zu lassen. Glaube plus Werke, das war der wesentliche Inhalt ihrer Lehre. Als Paulus das mitbekam, da kochte so einiges an Emotionen in ihm hoch. Wut über diese Irrlehrer vermischte sich mit Enttäuschung über die Abkehr der Galater von dem wahren Evangelium und der Sorge um ihr ewiges Heil.

Deshalb schrieb er ihnen diesen kleinen, aber doch gewaltigen Brief, ohne den die Reformation vor 500 Jahren vielleicht ganz anders ausgesehen hätte. Zu Beginn verteidigt er darin sein Apostelamt und seine Botschaft: Ich bin von Gott selbst berufen worden, sagt er, meine Predigt stammt nicht von anderen Menschen. Ich verkündige das Evangelium Jesu Christi, und das wurde mir auch von den anderen hochangesehenen Aposteln in Jerusalem bestätigt. Auch wenn die Irrlehrer das leugnen und meine Autorität anfechten mögen…

Und am Ende des 2. Kapitels, in Vers 16, bringt er dann den Inhalt der Botschaft, für die er von Gott zum Apostel berufen wurde, klar zum Ausdruck:  „[…] wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.“ Oder anders ausgedrückt: Sola Fide. Unsere Errettung kommt allein durch Glauben. Hier führt Paulus diese Wahrheit schwarz auf weiß an. Und dann liefert er uns im nächsten Kapitel drei Argumente, die diese Wahrheit bestätigen.

Die eigene Erfahrung

Das erste Argument kommt aus der eigenen Erfahrung und wir finden es in Kapitel 3 Verse 1-5. Dort schreibt Paulus: „O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? Das allein will ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist empfangen durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben? Seid ihr so unverständig? Im Geist habt ihr angefangen, wollt ihr’s denn nun im Fleisch vollenden? Habt ihr denn so vieles vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war! Der euch nun den Geist darreicht und tut solche Taten unter euch, tut er’s durch des Gesetzes Werke oder durch die Predigt vom Glauben?“

Paulus erinnert die Galater hier an ihre Bekehrung. Er sagt: Denkt doch mal zurück an den Zeitpunkt, als ihr den Heiligen Geist empfangen habt. Wie war das damals? Wie ist das alles passiert? Wie kam es, dass sich euer Leben komplett umgekrempelt hat? War es nicht so, dass ich euch einfach nur von Jesus Christus erzählt habe und von seinem stellvertretenden Sühnetod für euch? Ich habe ihn euch vor Augen gemalt, wie er dort am Kreuz hängt und für all eure Schuld büßt; wie er mit seinem kostbaren Blut bezahlt, damit ihr rein und heilig vor Gott stehen könnt. Und ihr habt nichts weiter getan, als dieser Botschaft Glauben zu schenken! Ihr habt nichts weiter getan, als darauf zu vertrauen, dass dieses wunderbare Evangelium wahr ist, dass Jesus Christus für euch dort auf Golgatha starb!

Ihr habt keine einzige Tat vollbracht. Es war allein euer Glaube, der den Unterschied gemacht hat. Allein durch den Glauben hat Gott euch seinen Geist geschenkt. Er hat euch neu gemacht von innen heraus. Er hat dieses riesige Wunder in euch und an euch vollbracht. Ihr habt nichts dazu beigetragen. Ihr habt einfach nur geglaubt. Und jetzt meint ihr plötzlich, dieser Glaube, durch den solch gewaltige Dinge geschehen sind, wäre nicht mehr genug? Nun meint ihr plötzlich, dem Wirken des Geistes irgendetwas hinzufügen zu müssen? Ihr denkt, dass ihr aus der Kraft eures Fleisches heraus das vollenden müsst, was Gott auf übernatürlich Weise begonnen hat? Ihr meint, dass ihr an eurer Errettung mitwirken könnt und müsst? O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch so bezaubert? Wer hat euch so in die Irre geleitet?

All diese Fragen, die Paulus vor fast 2000 Jahren gestellt hat, sind heute noch genauso relevant wie damals. Sie gelten nicht nur den Galatern. Sie gelten uns allen, weil es eine der wesentlichen Eigenschaften unserer sündigen, gefallenen Natur ist, zu meinen, irgendwie selbst etwas leisten zu können. Der Teufel tut alles in seiner Macht stehende, um uns vorzugaukeln, dass wir irgendwie doch etwas – sei es auch nur ein ganz klein wenig – zu unserer Errettung beitragen müssen. Und wir sind so stolz, ihm diese Lüge abzukaufen – wir erachten es tatsächlich für möglich und für notwendig.

Selbst wenn wir schon längst errettet sind, wenn wir den Heiligen Geist haben, wenn wir schon zu neuen Menschen gemacht worden sind, dann ist es doch eine der großen Herausforderungen unseres Alltags, uns immer wieder neu ins Bewusstsein zu rufen, dass das Werk Christi ausreicht, dass wir durch den Glauben so mit ihm vereint sind, dass seine Gerechtigkeit zu unserer Gerechtigkeit wird.

Wenn es dir nur ein bisschen so geht wie mir, dann kennst du die Gefahr, zu meinen, deine eigene Stellung vor Gott sei in irgendeiner Hinsicht abhängig von deinen eigenen Taten: Heute wieder nicht die Bibel gelesen. Schon eine Woche lang keine wirklich intensive Gebetszeit mehr gehabt. Gestern erneut mit dem Ehepartner gezofft, die Kinder angeschrien, über den Arbeitskollegen gelästert…

„Oh Gott, ich bin es wahrlich nicht wert, dein Sohn zu sein. Aber ich verspreche dir, dass ich ab heute hart für dich arbeiten werde. Ich werde nun jeden Tag eine Stunde dein Wort studieren, ich werde auf Knien abends im Gebet verharren, bis ich einschlafe, ich werde mich für meine Familie aufopfern und mich zum Diener aller machen. Oh Gott, ich werde es dir beweisen, dass ich doch irgendwie wert bin, wenigstens dein Knecht zu sein!“

„Oh mein geliebtes Kind! Wer hat dich nur so verwirrt, zu meinen, ich liebte dich heute auch nur das kleinste bisschen weniger als gestern, als vorgestern, als vor aller Zeit? Wer hat dir in den Sinn gegeben, du könntest und müsstest irgendetwas tun, um mir zu gefallen? Ich habe doch schon längst alles für dich vollbracht! Erinnerst du dich nicht, wie alles mit uns anfing? Wie du einfach im kindlichen Glauben zu mir kamst, in dem Vertrauen, dass alles, was mein ist, auch dir gehört? Hast du vergessen, dass ich dir meinen Geist gab, um dich bis auf den Tag der vollständigen Erlösung zu versiegeln? Oh mein Kind, glaubst du denn nicht, dass ich mein Versprechen auch halten werde?“

Das ist das Argument aus der Erfahrung und wenn du Christ bist, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass du weißt, wovon ich schreibe. Dann vertraue ich darauf, dass dich der Heilige Geist in deinem Innersten immer mehr und immer tiefer von Sola Fide überzeugen wird.

Das Beispiel Abrahams

Aber vielleicht bist du bisher nicht gläubig und kannst diese Erfahrung nicht nachvollziehen. Vielleicht bist du der Ansicht, dass da schon andere Argumente kommen müssen, um dich zu überzeugen. Oder du bist Christ, aber deine eigene Erfahrung ist dich zu unsicher. Da magst du dich nicht drauf verlassen. Dann beachte das zweite Argument von Paulus: Das Beispiel Abrahams. In Galater 3,6 lesen wir: „So war es mit Abraham: »Er hat Gott geglaubt, und es ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden.“

Dieses Argument ist ziemlich simpel. Geh einfach zurück zu 1. Mose 15, sagt Paulus, und sieh wie Menschen ganz am Anfang der Bibel gerettet wurden. Achte darauf, wodurch sie gerechtfertigt vor Gott standen. Was jedoch sehen wir in 1. Mose 15? Gott macht Abraham einfach so ein großartiges Versprechen. Er sagt: „Deine Nachkommen sollen so zahlreich sein wie die Sterne am Himmel.“ Auch wenn du schon knapp 80 Jahre alt bist und bisher noch keinen einzigen Nachfahren hast, auch wenn deine Frau nach menschlichen Gesichtspunkten betrachtet unmöglich noch ein Kind zur Welt bringen kann, trotzdem werde ich, der allmächtige Gott, deine Nachkommen so zahlreich sein lassen wie die Sterne am Himmel.

Stellt dir diese Situation einmal vor und frage dich, wie du reagiert hättest. Vielleicht hättest du angefangen mit Gott zu diskutieren. Vielleicht hättest du deinen Zweifel darüber zum Ausdruck gebracht. Wie soll das alles funktionieren? Das ist doch nicht möglich. Dieses Versprechen kannst du doch nicht einlösen, Gott…!

Aber was macht Abraham stattdessen? Die Lutherbibel drückt es in 4 einfachen Worten aus: Abram glaubte dem HERRN! Das ist alles, was uns an dieser Stelle berichtet wird. Abraham glaubte Jahwe! Er war überzeugt: Wenn Gott das sagt, dann muss es genau so sein. Schließlich ist es Gott, der es sagt! Ihm ist doch nichts unmöglich! Er hat doch alles in seiner Hand! Er führt die Dinge so wie er will. In Ihm ist kein Falsch, er macht keine leeren Versprechungen.

Hier wird deutlich: Zu glauben heißt, daran festzuhalten, dass Gott das tut, was er verheißt. Wer in solch einem Sinne glaubt, der gibt Gott die Ehre. Er räumt ihm den Platz ein, der ihm gebührt. Wer so glaubt, der sagt: Gott, du kannst das möglich machen, was für mich unmöglich ist, einfach weil du Gott bist! Es ist diese Herzenshaltung, die Gott in Abraham sieht und die er ihm, wie es dann weiter heißt, zur Gerechtigkeit anrechnet. Das heißt durch seinen Glauben steht Abraham nun gerecht vor Gott. Sola Fide.

Diese Wahrheit gilt jedoch nicht nur für Abraham, sagt Paulus. Sie gilt für jeden Menschen.  In Galater 3,7-9 heißt es: „Erkennt also: die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams Kinder. Die Schrift aber hat es vorausgesehen, dass Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündigte sie dem Abraham: »In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.« So werden nun die, die aus dem Glauben sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham.“

Wiederum argumentiert Paulus ganz logisch ausgehend vom Alten Testament. Er sagt: Lasst uns noch drei Kapitel weiter nach vorne schauen. Dann können wir lesen, wie Gott Abraham in 1. Mose 12,3 folgendes versprach: „in dir [d.i. Abraham] sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Wie geht dieses Versprechen in Erfüllung? fragt Paulus. Wie kann es sein, dass gemeinsam mit Abraham diejenigen gesegnet werden, die gar nicht leiblich von ihm abstammen? Und seine Antwort ist: Sie mögen zwar keine leiblichen Nachfahren sein, aber in geistlicher Hinsicht sind sie dennoch mit ihm verbunden: nämlich durch ihren Glauben. Sie glauben Gott, sie vertrauen Gott, genauso wie Abraham ihm vertraute. Und deshalb stehen sie auch genauso wie Abraham gerechtfertigt vor Gott. Sie empfangen Seinen Segen, Sein Heil – genauso wie Abraham.

Manchmal gibt es Leute, die behaupten, dass es zwei unterschiedliche Wege der Errettung gäbe. Die Menschen im Alten Testament wären durch ihre guten Werke, durch das Einhalten des Gesetzes gerettet worden. Erst die Menschen des Neuen Testamentes – wir selbst eingeschlossen – lebten jetzt unter dem Neuen Bund und könnten deshalb durch den Glauben an Christi Sühnetod gerettet werden. Dies ist jedoch ein grobes Missverständnis der gesamtbiblischen Aussage zu unserer Errettung. Galater 3 ist eine der klarsten Stellen dazu. Wer auch immer jemals auf diesem Planeten gerettet worden ist, der ist allein durch Glauben gerettet worden! Sola Fide.

Das Wesen des Gesetzes

Einer der Gründe, wieso viele Menschen ein falsches Verständnis von der biblischen Lehre der Rechtfertigung haben, ist, dass sie die Rolle des Gesetzes nicht korrekt einordnen können. Das ging auch den Galatern so. Deshalb fährt Paulus nun im weiteren Verlauf des Kapitels fort, ihnen das Wesen des Gesetzes zu erklären und damit kommen wir zu unserem dritten Argument für Sola Fide. Dieses Argument ist zugegebenermaßen das komplexeste. Es gäbe viel dazu zu sagen. Wir werden stattdessen nur einige Schlaglichter betrachten.

Das Gesetz kam 430 Jahre nach der Verheißung

Schlaglicht Nr. 1 lautet: Das Gesetz kam erst 430 Jahre nach der Verheißung. In Galater Kapitel Vers 15 und 17 schreibt Paulus: „Liebe Brüder, ich will nach menschlicher Weise reden: Man hebt doch das Testament eines Menschen nicht auf, wenn es bestätigt ist, und setzt auch nichts dazu…Ich meine aber dies: Das Testament, das von Gott zuvor bestätigt worden ist, wird nicht aufgehoben durch das Gesetz, das vierhundertdreißig Jahre danach gegeben worden ist, so dass die Verheißung zunichte würde.“

Paulus gebraucht hier ein anschauliches Beispiel aus der Lebensrealität der Galater. Ihr wisst doch, sagt er, dass es an einem Testament nichts mehr zu rütteln gibt, wenn es verfasst und notariell beglaubigt wurde. Wenn meine Eltern ihr Testament schreiben und darin festhalten, dass meine große und kleine Schwester alles erben sollen, dann kann ich nicht nach ihrem Tod kommen und darauf beharren, dass mir auch ein Drittel zusteht (ok, zugegebenermaßen: In Deutschland kriege ich per Gesetz noch einen Pflichtanteil – der wäre in diesem Fall aber nur ein Sechstel). Ich kann noch so sehr betteln und flehen, das Testament an sich wird nicht geändert werden!

Und das ist genau das, was Paulus hier in Bezug auf die Verheißung gegenüber Abraham sagt: Gott hat sein Versprechen gegeben. Er hat gesagt: Ich will dir und deinen Nachkommen dieses Land geben. Ich will dir einen großen Namen machen. Ich will dich und in dir alle Geschlechter auf Erden segnen. Und dann hat er diesen komplett einseitigen Bund mit Abraham geschlossen, ohne jegliche Bedingungen. Nur Gott ist, wie wir in 1. Mose 15 lesen können, in der Gestalt einer Feuerflamme durch die zerteilten Tierhälften gegangen und er hat damit zum Ausdruck gebracht: Wenn ich mein Versprechen nicht halte, dann soll es mir genauso gehen, wie diesen Kadavern! Abraham konnte nur staunend zusehen!

Das alles passierte irgendwann gegen 2000 vor Christus rum. Und erst viele Jahre später ist es dann soweit, dass das Volk durch Mose das Gesetz erhält. Glaubt ihr wirklich, ihr lieben Galater, dass dieses Gesetz irgendetwas an der Verheißung, an dem Bund Gottes mit Abraham, rütteln könnte? Glaubt ihr wirklich, dass Gott zuerst sagt: Wer glaubt, dem schenke ich das Erbe. Und dann 430 Jahre später: Aber nur, wenn du dich auch an meine Gebote hältst!? Nein, mein Lieber, sagt Paulus, wenn du so denkst, dann hast du den Zweck des Gesetzes nicht verstanden. Denn das Gesetz ist nur gegeben, um uns unsere Sünde zu offenbaren.

Das Gesetz offenbart unsere Sünde

Das ist Schlaglicht Nr. 2: Das Gesetz offenbart nur unsere Sünde. Paulus fragt in Vers 19 und 22: „Was soll dann das Gesetz? [Und dann gibt er selbst die Antwort:] Es ist hinzugekommen um der Sünden willen…die Schrift hat alles eingeschlossen unter die Sünde, damit die Verheißung durch den Glauben an Jesus Christus gegeben würde denen, die glauben. (Gal 3,19.22)

Das Gesetz wurde von Gott 430 Jahre nach der Verheißung „um der Sünden willen“ gegeben, sagt Paulus. Es wurde gegeben, um alles unter die Sünde einzuschließen. Was meint er damit? Nun, was er in diesem Absatz auch noch deutlich macht, ist, dass das Gesetz ein zweiseitiger Bund war, den Gott mit seinem Volk schloss. Gott knüpfte den Segen, den er Israel am Berg Sinai verhieß an eine Bedingung: Nämlich, dass das Volk sein Gesetz bewahrte und nach seinen Geboten lebte.

Was wir dann jedoch im Verlauf des ganzen restlichen Alten Testamentes sehen, ist, dass Israel unfähig ist, das Gesetz zu halten. Sie brechen es andauernd. Und deshalb haben sie gerechterweise den Fluch Gottes verdient. Wenn sie dennoch gesegnet werden sollen, dann muss es über einen anderen Weg als das Gesetz laufen. Und Paulus sagt: Dies aufzuzeigen, dies so deutlich zu machen, dass selbst ein Grundschulkind diese Wahrheit versteht, dies allein war der Zweck des Gesetzes.

Es war niemals Gottes Plan, einen Weg der Erlösung zu schaffen, der auf unseren Taten, auf Gesetzeswerken beruhen würde. Nein, er hat vielmehr das Gesetz ins Spiel gebracht, um uns klar vor Augen zu malen, dass wir niemals von uns aus gerecht vor ihm stehen können, sondern dass wir einen Erlöser brauchen, der an unserer statt Gottes Gerechtigkeit volle Genüge getan hat. Johannes Calvin, einer der wichtigsten Reformatoren neben Luther, hat das einmal so formuliert (in seinem  Brief an Kardinal Sadolet):

Die Strenge [des] Richterspruches [Gottes] trifft [jeden] Sünder. So sinkt er vor Gott hin und demütigt sich, denn sein Elend brachte ihn ins Wanken und erschütterte ihn. Alles Selbstvertrauen ist abgelegt, nur Seufzer eines zum Tode Verurteilten bleiben ihm. […] die einzige Rettungsmöglichkeit [steht] in Gottes Barmherzigkeit offen. In Christus haben wir dies Angebot. Unser ganzes Heil liegt in ihm vollkommen bereit. Wenn also alle Sterblichen vor Gott Sünder sind – so ist unsere Überzeugung -, ist Christus unsere einzige Gerechtigkeit. Durch seinen Gehorsam hat er unsere Übertretungen ausgelöscht, durch sein Opfer den Zorn besänftigt, mit seinem Blut unsere Flecken beseitigt, mit seinem Kreuz unsere Verurteilung auf sich genommen, und schließlich mit seinem Tode für uns alles beglichen. Hierher stammt unser Satz, der Mensch werde mit Gott dem Vater durch Christus versöhnt, – durch kein eigenes Verdienst, durch keine Anrechnung von Werken, sondern durch das Geschenk der Barmherzigkeit. Da wir aber im Glauben Christus umfassen und gleichsam mit ihm tauschen möchten, nennen wir es in Anlehnung an die Heilige Schrift Glaubensgerechtigkeit.

Hast du Christus so im Glauben umfasst, wie Calvin sich ausdrückt? Wenn nicht, dann tue es heute. Er ist unsere einzige Hoffnung.

Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes erlöst

Das bringt mich zu Schlaglicht Nr. 3: Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes erlöst. Paulus schreibt in den Versen 10-12: „Denn die aus den Werken des Gesetzes leben, die sind unter dem Fluch. Denn es steht geschrieben: »Verflucht sei jeder, der nicht bleibt bei alledem, was geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, dass er’s tue!« Dass aber durchs Gesetz niemand gerecht wird vor Gott, ist offenbar; denn »der Gerechte wird aus Glauben leben«. Das Gesetz aber ist nicht »aus Glauben«, sondern: »der Mensch, der es tut, wird dadurch leben«.“

Paulus macht hier noch einmal deutlich: Durch das Gesetz, durch unsere Werke, können wir nicht gerettet werden. Warum? Weil das Gesetz auf absolutem Gehorsam beruht: Wer nicht alles tut, was es erfordert, der steht unter dem Fluch Gottes. Und dann sagt er ab Vers 13: „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes…“ Wie hat er das getan? „…da er zum Fluch wurde für uns; denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«.“ Für uns, sagt Paulus, für uns, ist Jesus zum Fluch geworden. Er hat die Strafe auf sich genommen, die wir eigentlich verdient haben, die im Gesetz vorgeschrieben war. Und hier kommt die wunderbare Folge davon, Vers 14: „…damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme in Christus Jesus und wir den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben.“

Christus starb, sodass wir alle, du und ich, den Segen erfahren können, den Gott Abraham verheißen hatte. So dass wir gemeinsam mit ihm in alle Ewigkeit in dem Land leben können, das von Milch und Honig überfließt und in dem uns die Gegenwart Gottes mit unaussprechlicher Freude erfüllen wird. So dass wir jetzt schon vereint sein dürfen mit Christus, weil sein Geist in uns Wohnung genommen hat. All das durch Glauben. Sola Fide.

Und die einzige Frage, die sich am Ende stellt, ist die: Glaubst du? Vertraust du auf Christus? Und glaubst du, dass dein Glaube ausreicht? Luther hat einmal gesagt, dass derjenige, der keinen Glauben hat, jemandem gleicht, der das Meer überqueren muss, aber so ängstlich ist, dass er kein Vertrauen in das Schiff hat, welches ihn eigentlich sicher hinübertragen könnte. Und so bleibt er, wo er ist, und wird niemals gerettet, weil er nicht an Bord gehen und die Überfahrt machen wird. Glaube erweist sich in der Bereitschaft, aufgrund dieses Glaubens zu handeln. Glaube heißt, in das Schiff einzusteigen und uns ihm anzuvertrauen.

Luther und die Heilgewissheit

Das ist es, was Luther ganz persönlich getan hat. Er hat sich selbst ganz Christus anvertraut und es war dieser Schritt, der ihm tiefen inneren Frieden gebracht hat.  Luthers große Frage war: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Diese Frage ließ ihm keine Ruhe, weil er um seine eigene Sünde und die absolute Gerechtigkeit Gottes wusste – bis zu diesem sogenannten Turmerlebnis, als er verstand, dass es nicht auf seine Gerechtigkeit ankommt, sondern auf die Gerechtigkeit Christi, die Gott ihm allein durch den Glauben anrechnet. Ab diesem Moment erfuhr er tiefe Heilsgewissheit. Eine Gewissheit, die ihm die katholische Kirche niemals geben konnte und auch heute nicht für ihre Mitglieder bereithält. Auf dem Konzil von Trient wurden nach Luthers Tod die Lehren der Reformation verworfen. Im Dekret über die Rechtfertigung hielten die katholischen Theologen fest:

Wenn jemand seine eigene Schwachheit und seine mangelnde Disposition (d.h. das eigene Unvermögen) bedenkt, kann er bezüglich seines Gnadenstandes Bangen und Furcht haben, da niemand mit der Gewissheit des Glaubens, dem kein Irrtum unterlaufen kann, zu wissen vermag, dass er die Gnade Gottes erlangt habe.

Nach offizieller Lehrmeinung gibt es in der katholischen Kirche keine absolute Heilsgewissheit. Das heißt natürlich nicht, dass ich jedem Katholiken das Heil absprechen möchte. Nein, wenn du allein auf Christus für dein Heil vertraust, dann bist du mein Bruder, dann bist du meine Schwester – ganz egal, was für ein offizielles Label du trägst. Und dann – aber eben auch nur dann – darfst du diesen tiefen Trost haben, so wie Luther ihn erfuhr. Den Frieden, der in sein Leben kam, als er das schlichte Evangelium im Galaterbrief, im Römerbrief und an vielen anderen Stellen der Bibel entdeckte. Allein durch Glauben. Sola Fide.

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Über den Autor

Simon Mayer, Jahrgang 1990, hat Elektrotechnik studiert und zwei Jahre als Ingenieur bei einem großen Bayrischen Automobilhersteller gearbeitet. Inzwischen absolviert er ein Praktikum in der Freien Evangelischen Gemeinde München-Mitte und studiert nebenher Theologie am Martin Bucer Seminar. Seit 2010 ist er verheiratet mit Simone. Wenn er nicht gerade mit redaktionellen Tätigkeiten für den Josiablog beschäftigt ist, eine Predigt vorbereiten darf oder versucht den riesigen Berg an Lektüre für sein Studium zu bewältigen, schaut er gerne mal einen Krimi mit seiner Frau, geht Joggen oder macht Musik.

Kommentare zu “Sola Fide – Predigt zu Galater 3,1-22”

  1. Robin says:

    Wir haben außerordentlich talentierte Prediger hier in München. 😉

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