Vor wem lebe ich?

26. März 2017 1 Antwort von Hanniel

Hast du schon mal ein kleines Kind dabei beobachtet, wie es die Hände vor seine Augen hält und meint, dann sehe es niemand mehr? Wir verhalten uns im übertragenen Sinn oft ähnlich. Wir denken, dass unsere Sichtweise die richtige und wegweisende sei. Aus der Bibel wissen wir, dass der Allmächtige alles sieht. Seine Augen durchlaufen die ganze Erde (2Chr 16,9). So berichtete der Prophet dem damaligen König Asa, der eigenmächtig handelte.

Unser Leben vor dem einen Zuschauer

Der US-amerikanische Denker Os Guinness spricht vom Leben vor dem einen Zuschauer. Dies steht im Gegensatz zu unserer Umgebung, die von außen bestimmt ist. Unsere Zeitgenossen sind unsere Führer. Unser innerer Radar sucht ständig nach neuen Signalen. „Wir sehen das an Teenagern, die auf ihre Altersgenossen hören, an Frauen, die auf die verführerischen Bilder der Weiblichkeit in Frauenmagazinen und Designermode achten, an Politikern, die Abstimmungen nachäffen und sich sklavisch an Forschungsergebnisse von Zielgruppen klammern, und an Pfarrern, die ängstlich den letzten Profilen von ‚Suchenden‘ und ‚Generationen‘ folgen.“[1]

Die Reformatoren haben für das Leben vor dem einen Zuschauer den Ausdruck coram Deo geprägt. Jesus selbst kommt in seiner Rede an die Jünger, der Bergpredigt, auf das auf Gott gerichtete Leben zu sprechen.

Habt Acht, vor wem ihr lebt!

Wie ging Jesus in dieser Rede vor? Er definierte zuerst, was wahres Glück ausmacht und korrigiert die zeitgenössische falsche Auslegung der Gebote. Dann fährt er damit fort, indem er die falsche Ausrichtung seiner Jünger anspricht. Er will die Prioritäten umkehren. Dabei knüpft er an drei Gewohnheiten des damaligen jüdischen Lebens an: Almosen geben, beten und fasten.

Wer vor Menschen lebt

Der Abschnitt beginnt mit den Worten „habt acht“. Jesus hält ein Warnschild hoch. Wovor warnt er? Viermal spricht er davon, dass wir dazu neigen, vor den Menschen zu leben (V. 1+2 „um von ihnen gesehen/gepriesen zu werden“; V. 5 „um sich vor den Leuten zu zeigen“; ebenso V. 16). Ich beschreibe anhand des Textes zuerst drei Merkmale von Menschen, die vor anderen Menschen leben, und dann drei weitere über solche, die vor Gott leben.

… rechtfertigt es damit, dass seine Handlung gut sei.

Zuerst lernen wir, dass wir an sich richtige Dinge in der falschen Absicht ausführen können. Halte einen Moment inne und denke darüber nach. Du kannst die beste Sache tun, doch Gott kommt es zuerst einmal darauf an, weshalb du sie tust.

Das ist übrigens ein entscheidender Unterschied zu einem nicht erlösten Menschen. Er kann äußerlich ein tugendhaftes Leben führen. Doch die entscheidende Frage lautet: Auf wen richten sich seine Bemühungen? Geschieht etwas aus einem durch den Glauben gereinigten Herzen (vgl. Apg 15,9)?

Das ist eine besondere Herausforderung im Zeitalter der sozialen Medien. Das Ideal gibt vor, sich nach außen optimal darstellen, sogenanntes „Self-Fashioning“ (Selbstdarstellung) zu betreiben. Dabei neigen wir fast selbstverständlich dazu, uns selbst zu überhöhen und zu lügen, um vor anderen besser dazustehen.

… lebt taktisch.

Jesus spricht mehrmals von „Heuchlern“ (V. 2, 5, 16). Das dafür gebrauchte Wort kommt ursprünglich aus dem griechischen Theater. Dort trugen die Schauspieler Masken, wenn sie ihre Rolle spielten. Jesus meint damit, dass das äußere Verhalten nicht mit der inneren Absicht übereinstimmte. Jesus bringt noch einen zusätzlichen Aspekt hinein. Er erwähnt die Heiden, die dachten, dass sie „um der vielen Worte willen“ erhört würden. Mit anderen Worten: Es zählte die eigene Leistung, die „Performance“. Die Inszenierung wird zum eigentlichen Ziel der Handlung. Nicht mehr der Adressat des Gebets steht im Vordergrund.

…will im Jetzt belohnt werden.

Jesus urteilt über das Leben vor den Menschen: „Sie haben ihren Lohn schon empfangen.“ (V. 2, 5, 16) Hier spricht er ein weiteres Problem an: Wer vor Menschen lebt, will sofort belohnt werden. Dafür ist heute der Begriff „Instant-Gratification“ geprägt worden. Das gute Gefühl, von anderen beachtet zu werden, zählt. Was sich nicht sofort auszahlt, ist nichts wert. In allen Lebensbereichen werden wir zu diesem Lebensstil ermutigt, vorab durch die Werbung, aber auch in Ratgebern. In Arbeit und in Beziehungen ist das wichtigste die sofortige emotionale Belohnung. Hören wir die mahnenden Worte von Jesus: Ein auf sich selbst ausgerichtetes Leben verpufft. Wie sieht denn im Kontrast dazu ein Leben vor Gott aus?

Wer nicht mehr vor Menschen lebt

… der sammelt Schätze für einen anderen Ort.

Man könnte jetzt zum Schluss kommen, dass ein Leben vor Gott von Aufgaben entbindet – nach dem Motto: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Ein Leben vor Gott ist jedoch keine Entschuldigung für Passivität. Das würde bedeuten, von der anderen Seite vom Pferd herunter zu fallen. Wer vor Gott lebt, setzt sich mit Eifer für andere ein! Ich erlebe Menschen, die nicht ständig auf die emotionale Bestätigung von anderen angewiesen sind, als „verschwenderischer“. Ich denke da an eine 75-jährige Frau, die sich seit dem Beginn der Pensionierung in Familien mit Kindern investiert. Das Entscheidende: Wir sammeln Schätze für einen anderen Ort, den Himmel.

… entwickelt ein angemessenes Bild von Gott .

Jesus spricht dreimal vom Vater, „der im Verborgenen sieht“ (V. 4, 6, 16). Das bedeutet nicht, dass wir alles im Versteckten tun würden. Ich habe schon Menschen erlebt, die all ihr Tun unter einer Art „Scheindemut“ verbergen. Das ist nicht gemeint. Jesus hatte eben dazu aufgerufen, das Licht vor den Menschen leuchten zu lassen (Mt 5,16). Vor Gott zu leben kann gerade bedeuten, etwas trotz Scham und Widerstand auszuführen. Ein gutes Beispiel dafür ist Elia, der im vollen Bewusstsein, dass er vor Gott steht, vor den König Ahab trat und ihm eine Dürre ankündigte (1Kön 17,1). Prompt wurde ihm vorgeworfen, dass er ganz Israel damit ins Unglück gestoßen habe (1Kön 18,17). Der Vater „weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet“ (V. 8). Das führt mich zu einem Umkehrschluss: Wer vor den Menschen lebt, misstraut Gott! Er bringt damit zum Ausdruck, dass er nicht auf die Versorgung seines Vaters vertraut, sondern zusätzlich Ehre von den Menschen benötigt.

… fragt sich immer wieder: Wo ist mein Herz jetzt gerade?

Dem Eifer und einem angemessenen Bild über Gott sollen die Taten folgen. Einige Menschen neigen dazu (ich auch), dass wir uns zwar bewusst werden, dass wir vor Gott leben sollten. Weil wir jedoch unsere Gewohnheiten nicht ändern, bleibt es bei Gedanken und Vorsätzen. Jesus spricht von konkreten Vorkehrungen: „Lass deine Rechte nicht wissen, was die Linke tut.“ „Geh in deine Kammer und schließe ab.“ „Salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht.“ Betrügen wir uns nicht mit Scheinlösungen! Jesus fordert auf, konkrete Schritte zu unternehmen. Was heißt es beispielsweise, nicht mehr mit „Augendienerei um Menschen zu gefallen“ unseren Vorgesetzen zu dienen (siehe Eph 6,6)?

Unverdiente Belohnung

Als ob die gesamte Zuwendung Gottes nicht genug sei, so überschüttet er uns am Ende noch mit Belohnung (V. 4, 6, 16). Im Licht des Neuen Testaments wissen wir, dass wir Söhne und Töchter, also Erben geworden sind (siehe Gal 4). Es ist wahr: Vor Gott zu leben, bedeutet oft, keine sofortige emotionale Befriedigung von Menschen einzustecken. Dafür bedeutet es Glück und ewige Befriedigung auf die lange Sicht!

Ich glaube, dass der nächste Abschnitt (V. 19-21) inhaltlich dicht an den vorhergehenden anschließt. Jesus fragt danach, wem unser Herz gehört, was uns bei unseren Entscheidungen anleitet. Es geht um die Frage nach dem wahren Schatz.

Persönliche Fragen

Wie können wir uns prüfen und neue Gewohnheiten entwickeln? Drei Hinweise:

  1. Frage dich: Auf welche Menschen reagiere ich sofort und passe mich instinktiv an?
  2. Wenn du unsicher bist, stelle dir die Frage: Würde ich das Gleiche tun, wenn mich niemand sieht oder mir Verachtung gewiss ist?
  3. Bekenne, wenn du dich in Gedanken ertappst, dass du Menschen gefällig handelst.

Unser Prozess des Denkens muss erneuert werden. Das ist eine andauernde Erneuerung, die bis zum letzten Tag unseres Lebens weitergehen wird.


[1] Os Guinness. Von Gott berufen – aber zu was? Hänssler: Holzgerlingen 2000, S. 96.

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.

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