Die noetischen Effekte der Sünde

19. April 2017 0 Antworten von Lars

In dem vorliegenden Text soll untersucht werden, welche noetischen Effekte Sünde hat. Ich werde diese Frage hauptsächlich exegetisch, also von der Bibel ausgehend, beantworten. Meine Vorannahme dabei ist, dass die Bibel völlig wahr und komplett irrtumslos ist. Unter einem noetischen Effekt verstehe ich jede Veränderung in der menschlichen Wahrnehmung, welche durch einen internalen, externalen oder (im-)materiellen Stimulus bewirkt wird.[1] Das folgende Beispiel soll zur Illustration dienen: Als ich noch ein Kind war lief ich bei einer Familienfeier auf der Terrasse herum, als mir mein älterer Cousin seine Jacke über den Kopf warf. Dadurch wurde mein Sichtfeld eingeschränkt und ich blieb vorerst stehen. Meine visuelle Wahrnehmung wurde durch einen externen Stimulus (die Jacke) eingeschränkt. Der noetische Effekt bestand in einer temporären Beeinträchtigung des Sehkanals, was wiederum einen kurzen Stillstand zur Folge hatte. Unter dem Begriff Sünde verstehe ich alles was ein Mensch Denken, Fühlen, Sagen und Tun kann, was nicht in Übereinstimmung mit Gottes Charakter und seinen Geboten ist. Dies kann durch Übertretung und Unterlassung geschehen. Desweiteren verstehe ich unter dem Begriff Sünde die Disposition[2] des Menschen, die seit dem Sündenfall besteht und traditionell als Erbsünde bezeichnet wird. In Frage 7 des Heidelberger Katechismus heißt es zum Thema Sünde:

„Woher kommt denn solche verderbte Art des Menschen?“

Antwort:

„Aus dem Fall und Ungehorsam unserer ersten Eltern, Adam und Eva, im Paradies. Da ist unsere Natur so verderbt worden, dass wir alle in Sünden empfangen und geboren wurden.“

Wenn ich im Folgenden den Begriff „Sünde“ verwende, meine ich hauptsächlich Sünde als Disposition. Sünde als Disposition und Sünde als konkrete Handlung lassen sich zwar unterscheiden, aber nicht voneinander trennen.  Im unten stehenden Bibelzitat ist die Rede davon, dass Menschen (also Sünder) die Wahrheit „durch Ungerechtigkeit“ aufhalten. Dies meint vermutlich Sünde als Handlung, welche wiederum aus der sündhaften Natur des Sünders, seiner Disposition, kommt.

Die noetischen Effekte der Sünde
in Bezug auf die Gotteserkenntnis

Welchen Einfluss hat die Sünde auf des Menschen Erkenntnis von Gott? Der Apostel Paulus schreibt im Römerbrief Kapitel 1, Verse 18 bis 25:

18 Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten, 19 weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat; 20 denn sein unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit Erschaffung der Welt an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, so dass sie keine Entschuldigung haben. 21 Denn obgleich sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. 22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht. 24 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen, zur Unreinheit, so dass sie ihre eigenen Leiber untereinander entehren, 25 sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen!

Diese Stelle sagt nicht, dass Sünder Gott nicht erkennen (können). Im Gegenteil: Es wird explizit gelehrt, dass das von Gott Erkennbare für Menschen offenkundig ist (V.19) und dass Gott an den Werken seiner Schöpfung durch Nachdenken wahrgenommen wird (V. 20). Es kann bis hierher festgehalten werden, dass die noetischen Effekte der Sünde einer Gotteserkenntnis vorerst nicht im Weg stehen. Jedoch wird in dem Bibelabschnitt deutlich, dass diese Erkenntnis Gottes bei dem Menschen zu einer Ablehnung Gottes führt (V. 21) und dass die Gotteserkenntnis aufgrund von Sünde aktiv abgelehnt und unterdrückt wird (V.18). An dieser Stelle vermischen sich epistemologische[3] und moralische Kategorien. Der noetische Effekt der Sünde ist demnach ein Sekundäreffekt. Der volitionale[4] Effekt der Sünde führt zu einem noetischen Effekt zweiter Ordnung. Es ist festzuhalten: Die Effekte der Sünde in Bezug auf die Gotteserkenntnis bestehen in einer aktiven Behinderung der Gotteserkenntnis. Diese Behinderung vollzieht sich durch aktive Sünde, besonders den Götzendienst (V. 25). Bei Götzendienst wird die Anbetung Gottes, welche auf den Sensus Divinitatis[5] folgen sollte, umgeleitet – vom Schöpfer auf die Schöpfung.

Die noetischen Effekte der Sünde
in Bezug auf die allgemeine Wahrnehmung

Als Jesus Christus bei der Speisung der 5000 darüber predigt, dass er das Brot des Lebens ist (Johannes 6, 32-59), erzeugt dies bei der Mehrheit der Zuhörerschaft großes Unbehagen. Die Reaktion vieler Jünger Jesu wird in Johannes 6, 60 zitiert: „Viele von seinen Jüngern, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede! Wer kann sie hören?“ Diese Stelle ist wichtig für das Verständnis von Noetik und Sünde, da sie zeigt, dass Jesu Worte von seiner Zuhörerschafft kognitiv-linguistisch[6] durchaus verstanden wurden. Die rhetorische Frage am Ende von Vers 60 – „Wer kann sie [die Worte] hören?“ – bezieht sich nicht auf das sprachliche Verständnis der Rede Jesu. Mit dieser rhetorischen Frage ist vielmehr gemeint: „Wer kann es ertragen, diese Rede zu hören?“

Die Aussagen des Apostel Paulus im 1. Korintherbrief erläutern, was nach der Speisung der 5000 geschehen ist: „Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, so dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist; und davon reden wir auch, nicht in Worten, die von menschlicher Weisheit gelehrt sind, sondern in solchen, die vom Heiligen Geist gelehrt sind, indem wir Geistliches geistlich erklären. Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muss.“ (1. Korinther 2, 12-14). Die Menschen lehnen Jesu Worte/Gottes Wort ab, nicht etwa, weil sie die Worte nicht verstehen könnten, sondern weil sie die Worte nicht verstehen wollen. Es sind also keine noetischen Effekte der Sünde bei der allgemeinen Wahrnehmung erkennbar. Ferner ist die grundsätzliche Begrenztheit der Erkenntnis des Menschen der Kreatürlichkeit[7] verhaftet und ist somit nicht notwendigerweise ein Resultat der Sünde. Die Möglichkeit zu irren muss ebenfalls nicht auf Sünde zurückzuführen sein, da Fehleinschätzungen nicht unbedingt von moralischem Charakter sein müssen. Angenommen ich werde von einem Tourist gefragt, ob es Bären im Schwarzwald gibt und ob man dort sicher wandern könne. Ich verneine die erste Frage und bejahe die zweite Frage. Nun wird der Tourist bei seiner Wanderung durch den Schwarzwald leider von einem Bären getötet. Das Resultat zeigt, dass ich offensichtlicher Weise eine falsche Aussage getroffen habe. Sofern ich aber ohne Täuschungsabsicht und nach bestem Wissen und Gewissen geantwortet habe, ist meine Fehleinschätzung nicht als Sünde zu werten

Der Theologe Emil Brunner macht mit seinem „Gesetz der Beziehungsnähe“ eine Aussage über die noetischen Effekte der Sünde in Bezug auf die Gotteserkenntnis und die allgemeine Erkenntnis:

„Die Menschen können, ob sie nun Gott erkennen oder nicht, jedenfalls Weltdinge erkennen. Und das heißt: richtig erkennen. […] Man kann also die durch die Sünde bewirkte Verdunklung der Erkenntnis sowohl überschätzen als unterschätzen. Es ist ein unberechtigter Pessimismus, wenn man behauptet, der sündige Mensch könne als solcher überhaupt nichts recht erkennen. Ein solcher Sündenpessimismus entspricht weder dem biblischen Zeugnis noch der Erfahrung. Ebenso ist es ein unberechtigter Optimismus, wenn man in Sachen der Erkenntnis die Bedeutung der Sünde überhaupt ignoriert oder leugnet. […] Vielmehr ist es notwendig, zwischen der Erkenntnis der Welt und der Erkenntnis Gottes zu unterscheiden. Die Sünde hindert den Menschen nicht, Dinge der Welt, Naturgesetze, Naturtatsachen und den Menschen in seinen natürlichen, geschichtlichen und kulturellen Manifestationen zu erkennen, beziehungsweise zu verstehen. Je mehr es sich aber um das Innerste des Menschen, um seine Stellung zu Gott und seine Bestimmtheit durch Gott handelt, desto mehr erweist sich die sündige Verblendung als wirksam. Je näher ein Gegenstand diesem Innersten steht, desto mehr ist die natürliche-menschliche Erkenntnis von der Verderbtheit der Sünde affiziert, je ferner er ihm steht, desto weniger. Das Maximum der sündigen Verblendung ist darum zu finden in der Erkenntnis Gottes selbst. Darum sind die Mathematik und die Naturwissenschaften von diesem negativen Faktor viel weniger betroffen als die Geisteswissenschaften, und diese weniger als die Ethik und gar die Theologie.“[8]

Dieser Aussage von Brunner schließe ich mich an.

Fazit

Von den erwähnten Bibelstellen (Römer 1,18-25; Johannes 6,32-59.60; 1. Korinther 2,12-14) ausgehend ist zu sagen, dass es keine direkten noetischen Effekte auf das Erkenntnisvermögen des Sünders in Bezug auf die Gotteserkenntnis gibt. Die Sünde hat jedoch Einfluss auf die menschliche Noetik in der Weise, dass die Gotteserkenntnis willentlich unterdrückt wird. Die volitionalen Elemente der Sünde führen zu einem sekundären noetischen Effekt.

 

[1] Der Duden definiert noetisch folgendermaßen: Die Noetik betreffend, d.h. die Lehre vom Denken, vom Erkennen geistiger Gegenstände.

[2] d.h. die Veranlagung, Empfänglichkeit, innere Bereitschaft

[3] d.h. die Erkenntnistheorie betreffend

[4] d.h. durch den Willen bestimmt

[5] d.h. Sinn der Göttlichkeit

[6] d.h. was den Verstand und die Sprache angeht

[7] d.h. dem Geschaffensein

[8] Emil Brunner. Die christliche Lehre von Schöpfung und Erlösung. Dogmatik Band 2. 2. Auflage 1960 (1. Auflage 1950). Zwingli Verlag Zürich, S.37-38.

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Lars Reeh (29) ist Lehrkraft im Vorbereitungsdienst und geht in die BERG in Giessen. Er interessiert sich für die Überschneidungsfelder von Theologie und Kultur (besonders Apologetik und Pädagogik).
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