Mit Freude an der Ziellinie ankommen (Predigt zu Hebr 12,1-3)

23. April 2017 2 Antworten von Hanniel

Der Weltbestseller: Die Pilgerreise zur ewigen Seligkeit

Er gilt als ein Bestseller aller Zeiten: John Bunyans Buch „Die Pilgerreise zur ewigen Seligkeit“. Solche Bücher heben uns aus einer zeitgebundenen Sicht des Christseins heraus. Der Autor lebte im 17. Jahrhundert. Er verbrachte Jahre im Gefängnis. Dafür musste er seine große, notleidende Familie zurücklassen, was ihm fast das Herz brach. Wie hat Bunyan das christliche Leben beschrieben? In der Form eines allegorischen Reiseberichts folgt er dem Pilger „Christ“ durch sein Leben durch diese Welt hin zur ewigen Seligkeit. Dieser ist dem Verderben entflohen und auf dem Weg in die himmlische Stadt. Durch das Lesen der Bibel hat er erkannt, welche riesige Last der Sünde er mit sich geschleppt hatte. Diese Last wog viel schwerer als die größten Anfechtungen, die er nachher erdulden musste. Sein Weg war von Schwierigkeiten und Ermutigungen gepflastert, welche beide die Gewissheit über das Ziel und die Herrlichkeit des Retters stärkten. Bunyan schrieb nach seiner Entlassung aus dem zwölfjährigen Gefängnisaufenthalt: „Mir wurde gezeigt, dass der beste Weg im Leiden darin besteht, zuerst über allen Dingen dieses Lebens das Todesurteil zu fällen, sogar auch mich selbst, meine Frau, meine Kinder, meine Gesundheit, die Freuden meines Lebens, alles für mich und mich selbst als für sie gestorben anzusehen. Das andere war, im Vertrauen auf den unsichtbaren Gott zu leben.“[1]

Diese Beschreibung mag uns hart erscheinen. Sie entspricht jedoch der Erfahrung der Christen durch die Jahrhunderte. Sie deckt sich auch mit dem biblischen Bericht, dem wir uns zuwenden, dem Brief an die Hebräer. Dieses Schreiben ist an eine Gruppe von Judenchristen gerichtet, die heftiger Verfolgung ausgesetzt waren. Ein Teil der Gemeindemitglieder ist in ihren angestammten jüdischen Glauben zurückgekehrt. Dies ist nun wirklich keine einfache Ausgangslage. Diesen Christen schrieb der unbekannte Autor:

… lasst uns jede Last ablegen und die Sünde, die uns so leicht umstrickt, und lasst uns mit Ausdauer laufen in dem Kampf, der vor uns liegt, indem wir hinschauen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der um der vor ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldete… (Hebräer 12,1-2)

Unser Lebenslauf in der großen Arena

Wie bei jedem Text in der Bibel ist es zunächst wichtig zu fragen: Wo steht er? In welchem Zusammenhang? Ich habe den ersten Teil des ersten Verses abgeschnitten. Dort steht:

Da wir nun eine solche Wolke von Zeugen um uns haben… (Hebräer 12,1)

Von wem ist hier die Rede? Um was für eine Wolke handelt es sich? Wer ist mit den „Zeugen“ gemeint? Mit „Wolke“ wird eine dicht gedrängte Menge von Menschen beschrieben. Der Autor zeichnet das Bild einer himmlischen Arena der verstorbenen Glaubenshelden. Von diesen Helden hatte er vorher 40 Verse lang gesprochen. Diese Menschen sind in der unsichtbaren Welt versammelt. Sie sind auf den Zuschauerrängen, während wir auf der Erde daran sind, unseren Lebensmarathon zu absolvieren. Am Schluss des Zeugenberichts in Hebräer 11 zählt der Autor beispielhaft mit und ohne Namen eine Anzahl alttestamentlicher Personen auf, die durch Siege und Niederlagen hindurchgehen mussten (V. 33-40). Ihnen war bei aller Unterschiedlichkeit des Lebensverlaufs gemeinsam, dass sie „durch den Glauben“ lebten und sie eine bessere Heimat erwartete.

Zwei meiner Söhne durften dieses Jahr beim Weltklasse-Leichtathletik-Meeting im Zürcher Letzigrund die Nationalhymne singen.[2] Das Bild des Hebräerbriefs ist noch viel großartiger:  Jeder Christ ist Teil in der riesigen Arena von Gottes weltweitem Volk und in der unsichtbaren Arena der Christen, die uns in die Herrlichkeit vorangegangen sind. Du und ich sind Läufer in dieser Arena. Wir gehen wie Christ aus Bunyans Pilgerreise den Lebensmarathon. Hier sind fünf Empfehlungen für die Läufer.

Fünf Empfehlungen für die Läufer in der Arena des Glaubens

1. Der gemeinschaftliche Anschub: «Lasst uns»

Die erste Anweisung überlesen wir leicht. Sie ist im Griechischen in einer auffordernden Form geschrieben: „Laufe im Kollektiv“.  Die christliche Gemeinde ist der Ort von Schutz, Ermutigung und Korrektur für jeden, der sich auf dem Lebensmarathon befindet. Den Schreiber erfasst ein heiliger Schauer, wenn er an diejenigen denkt, die sich alleine durchwursteln. „Lasst uns nun mit Furcht darauf bedacht sein, dass sich nicht etwa bei jemand von euch herausstellt, dass er zurückgeblieben ist.“ (Hebräer 4,1) Als ich mir das Weltklassemeeting am Bildschirm ansah, erfasste mich Mitleid mit einem Läufer, der weit abgeschlagen am Schluss lief. Was für ein Gegensatz zur Spitzengruppe! Der Moderator klärte die Zuschauer darüber auf, dass eine Person eigens dafür da war, das Tempo für seine Kollegen zu halten. Ganz wird im Hebräerbrief die anspornende Wirkung des Kollektivs beschreiben: „Lasst uns aufeinander achtgeben, damit wir uns gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es einige zu tun pflegen…“ (10,24-25). Man bedenke, zu was der Schreiber aufforderte. Als Christ zusammenzukommen bedeutete für die damaligen Empfänger Gefahr an Leib und Leben. Jeder Grund zum Fernbleiben wäre für uns gerechtfertigt gewesen. Das hieß doch, dass es noch gefährlicher gewesen wäre, nicht mehr hinzugehen. Das sollte uns zu denken geben. Unsere Agenden sind heute um unsere Arbeit und Freizeit herum geplant. Das erste Kriterium für unsere Beteiligung in der christlichen Gemeinschaft lautet oft: Will ich? Mag ich? Der Hebräerbrief regt einen Mottowechsel an: Statt dem „wie ich will“ neu „lasst uns“. In welchem Modus läufst du?

2. Die Art des Lebenslaufs: «Kampf»

Lasst uns „laufen … in dem Kampf, der vor uns liegt … Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden im Kampf gegen die Sünde.“ (Hebräer 12,1+4) Die Gegenwartsform des griechischen Textes deutet an, dass der Wettkampf lebenslänglich andauert. Das Wort für (Wett-)Kampf hat als Fremdwort „Agonie“ Eingang in unsere Sprache gefunden. Unser Leben als Christ wird als entbehrungsreicher Kampf beschrieben. Ja, dieser Kampf würde sogar noch zunehmen!

Das mag uns Westeuropäer irritieren. Wie haben wir uns diesen Kampf konkret vorzustellen? Randy Alcorn beschreibt in seinem Buch „Post von Graf Moderthal“[3] diesen Lebenskampf anhand des Alltags einer zeitgenössischen vierköpfigen Familie. Er wechselt ständig zwischen Alltagssituationen der Familie und dem Kampf, der sich in der unsichtbaren Welt abspielt. Wer hat sich schon einmal konkrete Gedanken angestellt, wie der konkrete Plan von Gottes Gegenspieler aussieht, Mann und Frau in der Ehe einander zu entfremden, Eltern und Kinder in getrennten Welten leben zu lassen und Kindern durch die Peergroup (gleichaltrige Vergleichsgruppe) gezielt zu schaden? Der Gegner nützt scheinbar belanglose Situationen gezielt aus, zum Beispiel eine ungehaltene Reaktion oder einen Zornausbruch, ein unverfängliches Mittagessen mit einer Arbeitskollegin, die Suche nach einem genauen Timing für das Ansprechen auf das Evangelium, den Fernseher, Gottesdienste, kurze Bemerkungen und Verhaltensweisen von Freunden und Familienmitgliedern, eine Notlüge am Arbeitsplatz. Ich will damit sagen: Unser Alltag ist unser Kampfplatz! Ich erinnere mich jeden Morgen im Gebet daran und bitte um Kraft, meinen Lebensmarathon weiter zu gehen. Leben wir mit diesem Bewusstsein?

3. Die Erfordernis an den Läufer: «mit Ausdauer»

Wir sollen diesen Wettkampf mit Ausdauer laufen. Von Zeit zu Zeit hole ich alte Tagebücher hervor und blättere darin. Dabei stelle ich fest, dass die härtesten Zeiten die geistlich ertragreichsten waren. Ganz ähnlich forderte der Autor des Hebräerbriefs die Wettkämpfer auf, die Erinnerung früherer Tage aufzufrischen:

Erinnert euch aber an die früheren Tage, in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet wurdet, viel Kampf erduldet habt, der mit Leiden verbunden war, da ihr teils selbst Schmähungen und Bedrängnissen öffentlich preisgegeben wart, teils mit denen Gemeinschaft hattet, die so behandelt wurden. Denn ihr hattet Mitleid mit mir in meinen Ketten bewiesen und den Raub eurer Güter mit Freuden hingenommen, weil ihr in euch selbst gewiss seid, dass ihr ein besseres und bleibendes Gut in den Himmeln besitzt. So werft nun eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat! Denn standhaftes Ausharren tut euch not, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung erlangt. (Hebräer 10,32-36)

Was für schwierige Wegstrecken hinter diesen Menschen lagen! Wohnungen waren geplündert worden. Wer sich mit gefangenen Christen solidarisch zeigte, wurde empfindlich diskriminiert. Wie konnten diese Menschen solche harten Zeiten ertragen? Sie wussten um das bessere und bleibende Gut im Himmel. Oh, was wünsche ich mir, dass wir uns dieses Besseren mehr bewusst wären! Unsere geistliche Trägheit legt doch Zeugnis davon ab, dass wir die wahre Freude zu wenig kennen und nur unzureichend wertschätzen! Im Hinblick auf diese vergangenen Zeiten ruft der Schreiber: „Werft eure Zuversicht nicht weg.“ Stellen wir uns einen Läufer vor, der seine Zuversicht wegwirft. Dann fehlt ihm das wichtigste, der Antrieb. Was uns also Not tut, ist „standhaftes Ausharren“. Vielleicht läufst du gerade in einer Meile, in der besonderes Durchhaltevermögen gefragt ist. Woher soll die Kraft kommen? Darüber werden wir nicht im Unklaren gelassen.

4. Die Zielrichtung: «hinblickend auf Jesus»

Woher holen wir die Kraft zum Durchhalten? Wir blicken auf Jesus. Das macht der Schreiber immer wieder in unterschiedlichen Abschnitten deutlich, zum Beispiel hier: „Wir sehen aber Jesus… betrachtet den Apostel und Hohepriester unseres Bekenntnisses, Christus Jesus …“ (Hebräer 2,9 & 3,1). Der gesamte Hebräerbrief ist vom Anliegen getrieben, den Blick auf Jesus zu richten.  Er beginnt mit einer siebenfachen Beschreibung des Gottessohnes, gefolgt von sieben Zitaten aus dem AT, die aufzeigen, dass er den Engeln weit überlegen ist. Jesus war größer als Mose, so wie er auch die Erfüllung des alttestamentlichen Gottesdienstes war. Dieser Jesus war bereit, den Tod am Kreuz zu erdulden, weil er auf die Freude danach blickte. An dieser Haltung sollen wir Maß nehmen! Bedenken wir: Ein Teil der Gemeinden hatte Jesus bereits den Rücken gekehrt. Andere standen in Gefahr, diesen Schritt ebenfalls zu tun. Der Schreiber warnt eindringlich vor dem Abirren: Wer den Sohn Gottes mit Füßen tritt, erwartet ein schreckliches Gericht (Hebräer 10,29). Frage: Wer ist Jesus für dich? Und wohin blickst du?

5. Die Hindernisse: «jede Last ablegen und die Sünde, die uns so leicht umstrickt»

Um richtig laufen zu können, müssen wir jeden hinderlichen Ballast ablegen. Im Abschnitt werden zwei Dinge erwähnt: Lasten und Sünden. Wir sind so erfinderisch, uns immer neue Lasten aufzulegen. Eine dieser Bürden ist das Ermüden und Ermatten, das in Vers 3 erwähnt wird. Es gibt Strecken, in denen wir mental so am Ende sind, dass wir am liebsten aufgeben würden. Darum ist der Blick auf Jesus so wichtig. Jeder Sportler weiß, dass die mentale Fokussierung auf das Ziel entscheidend wichtig ist. Noch hinderlicher wirken die Sünden. Der Schreiber erwähnt im weiteren Verlauf einige von ihnen: Bitterkeit (12,15), sexuelle Zügellosigkeit (13,4), Geldgier (13,5) und konkurrierende Ideologien (13,9).

Wie viele von uns denken zum Beispiel, dass die Jagd nach Geld die Freude und Energie am Laufen erhöht. Das stimmt nicht. Geldliebe ist eine der Sünden, mit denen wir uns leicht einwickeln lassen. Was lastet auf dir? Von was lässt du dich einwickeln?

Unseren Lebenslauf mit Freude vollenden

James Innell Packer (* 1926) gehört zu den Christen, an denen ich mich orientiere. Ich sehe den „Ausgang seines Wandels“ an und nehme daran Maß (vgl. Hebräer 13,7). Der 89-jährige steht kurz davor, sich in die unsichtbaren Zuschauerränge einzureihen. Vor wenigen Jahren hat er ein kurzes Buch „Unseren Lebenslauf mit Freude vollenden“ geschrieben. Ein gereifter alter Mensch, so postuliert er, wird auch auf der letzten Etappe mit dem fortfahren, was er sein ganzes Leben getan hat: Den Kampf der Heiligung fortsetzen; Sünden bekennen; Eigensucht bekämpfen und abtöten;  anderen mit seinen Gaben (und Resultaten daraus) dienen so lange es geht. Das säkulare Ideal gehe in eine ganz andere Richtung. Der Abschied vom Erwerbsleben paare sich mit einem abrupten Richtungswechsel. Man müsse sich belohnen. Tagträume, Nostalgie und Verwöhnung beschleunigten den Alterungsprozess. „Ruhe dich aus. Amüsiere dich. Tu endlich das, was dir gefällt.“ Das Resultat ist jedoch eine zunehmende innere Öde und Hoffnungs- und Hilflosigkeit.

Ich habe einige Hinweise Packers aus dem Buch zusammengetragen. Sie sind weiser Rat für uns Läufer:

  1. Spare für die letzte Runde eine Reserve auf.
  2. Lebe vor Gott Tag für Tag.
  3. Kämpfe gegen Versuchungen.
  4. Denke an andere, bete für sie, schreib ihnen, ruf sie an.
  5. Kopple dich nicht vom Leben ab.
  6. Du dienst Gott auch mit deinem Körper. Halte ihn fit.
  7. Übernimm soweit es geht Verantwortung in Gottes Familie, der Gemeinde.
  8. Denke darüber nach, was die Muster und Gewohnheiten deines säkularen Umfelds sind.
  9. Sei geistlicher Vater/geistliche Mutter für die nachrückenden Generationen.
  10. Halte das Ziel im Blick und plane sorgfältig den nächsten Tag.

Gebet

Wir werden still und blicken auf Jesus. Er ist der Anfang und Ursprung unseres Glaubens. Er wird uns auch sicher an die Ziellinie bringen. Schenke uns diese Perspektive der Freude gerade in den anspruchsvollen Etappen unseres Lebenslaufs!

Dann blicken wir auf uns. Uns selbst überlassen, neigen wir dazu, uns Bürden aufzulegen, die wir gar nicht tragen müssten. Wir verstricken uns nur zu leicht mit Sünden, die uns bremsen. Wir sind weit davon entfernt, aus eigener Kraft den Lauf vollenden zu können.

Wir sind in Sorge über einige, die zurückgeblieben sind und andere, die dabei sind, dir den Rücken zuzukehren. Bewahre sie vor diesem schrecklichen Urteil über sich selbst.

Wir schauen in die Zukunft mit der Bitte, dass du uns völlig ausrüstest zu jedem guten Werk, damit wir deinen Willen tun. Du wirkst in uns das, was dir wohlgefällig ist. (Hebräer 13,21)


[1] John Bunyan, zitiert in John Piper, Standhaft im Leiden, CLV: Bielefeld, 2006, Seite 57.

[2] http://neu.lokalinfo.ch/artikel/artikel-detail/?tx_ttnews%5Btt_news%5D=4032&cHash=9f6f7a984c22f80ee0940e7efe550e2c (29.12.15).

[3] Randy Alcorn. Post von Graf Moderthal. CLV: Bielefeld, 2013.

Predigten

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.

Kommentare zu “Mit Freude an der Ziellinie ankommen (Predigt zu Hebr 12,1-3)”

  1. Vlad says:

    Wo kann man das Buch „Unseren Lebenslauf mit Freude vollenden“ beziehen?

  2. Hanniel says:

    Leider nur in englischer Sprache: J. I. Packer, Finishing Our Course with Joy: Guidance from God for Engaging with Our Aging, Crossway: Wheaton, 2014.

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