Weshalb haben wir Menschen Krieg?

06. August 2017 2 Antworten von Hanniel

Sie aßen vom Baum, obwohl sie nicht durften

Die ersten drei Kapitel der Bibel erzählen wir oft unseren Kindern und haften auch dem Jüngsten gut im Gedächtnis. Besonders der Sündenfall scheint schon bei kleinen Kindern eine große Resonanz hervorzurufen. Mit einem geheimnisvollen Blick erklärte mir mein Jüngster: „Sie aßen von dem Baum, obwohl sie nicht durften.“ Diesen Satz habe ich viele Male gehört. Dass ihm diese Aussage zuvorderst liegt, ist nicht von ungefähr. Die verhängnisvolle Tat, die aus dem ungehorsamen Herzen der ersten Menschen kam, veränderte unser gesamtes Sein und Leben, unsere innere und äußere Landschaft. Wir können tief greifende Veränderungen in vier Richtungen feststellen:

  1. Der Mensch entfremdete sich Gott. Dies zeigte sich sofort nach der Tat. Die Menschen stehen seither ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt da (Eph 2,12).
  2. Der Mensch entfremdete sich selbst. Adam und Eva erkannten, dass sie nackt waren. Ihre Scham suchten sie mit Feigenblättern zu bedecken. Wir suchen uns bis heute selbst zu rechtfertigen. Wir bleiben uns im tiefsten Inneren selbst ein Geheimnis. Jeremia rief aus: „Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?“ (17,9)
  3. Der Mensch entfremdete sich auch seiner Umgebung. Der ursprüngliche Auftrag des Bebauens wurde wesentlich erschwert. Der Mensch leidet unter den „Dornen und Disteln“ der Arbeit, was ihm viel Mühsal und Beschwernisse abverlangt.

Die vierte Folge des Sündenfalls zeigte sich deutlich, als Gott das erste Menschenpaar zur Rechenschaft stellte. In unvergleichlicher Weise stellte Gott seine erste Frage, die auf das Herz des Menschen abzielte: „Wo bist du?“ Zur Verantwortung gezogen, zeigten Eva und Adam denselben Reflex, der uns – egal ob kleine Kinder oder Erwachsene – so vertraut ist: „Nicht ich, der andere.“ Wir weisen unsere Schuld von uns und schieben sie auf den Nächsten. Durch die Sünde haben wir uns auch voneinander entfremdet. Auf diese Entfremdung richten wir unseren Blick. Dafür lesen wir aufmerksam das Kapitel, das direkt nach der Schilderung des Sündenfalls anschließt.[1]

Woher kommen die Streitigkeiten unter euch?

Jakobus fragte Tausende von Jahren später: „Woher kommen die Kämpfe und die Streitigkeiten unter euch? Kommen sie nicht von den Lüsten, die in euren Gliedern streiten? Ihr seid begehrlich und habt es nicht, ihr mordet und neidet und könnt es doch nicht erlangen; ihr streitet und kämpft, doch ihr habt es nicht, weil ihr nicht bittet.“ (4,1-2) Das vierte Kapitel der Bibel zeigt uns den Ursprung der zwischenmenschlichen Konflikte und Kriege. Für die Konflikt- und Friedensforschung aus christlicher Weltsicht ist dieser Abschnitt zentral. Diese Frage wird bis heute oft gestellt: Weshalb gibt es Krieg? Wir können die Frage auch umdrehen: Weshalb sehnt sich der Mensch nach Frieden? Weshalb hat es so viele Bestrebungen gegeben, den Krieg abzuschaffen und die Grundlage eines friedlichen Miteinanders zu schaffen? Der Schlüssel zur Antwort liegt in diesem Kapitel. Die Menschen haben sich durch die Sünde einander entfremdet. Die Sehnsucht nach Frieden ist die Antwort des Menschen auf die Spannung der Sünde. Egal, ob es um gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg, eine Friedensmission in einem von Krieg zerrissenen Land, um Mediation bei einer Scheidung, um eine gerichtliche Auseinandersetzung mit dem Nachbarn oder um eine Schlägerei auf dem Schulhof geht: Die Fährte führt zu 1. Mose 4 zurück.

Wir widmen uns diesem Abschnitt in drei Schritten:

  1. Zuerst sehen wir uns das Setup an: Nach der Ankündigung von Fluch und Segen werden die beiden ersten Nachkommen geboren. Sie wachsen unter der Spannung der Eltern heran, ob jemand der Schlange den Kopf zertreten würde. Doch dann kommt alles ganz anders.
  2. Zweitens widmen wir uns der Tat. Sie geschah nicht aus heiterem Himmel.
  3. Drittens begutachten wir die Konsequenzen, welche aus dem ersten Mord der Menschheitsgeschichte hervorgingen.

Das Setup: Es gibt nur zwei Linien der Menschheit

Gott gab dem Menschen im Paradies ein Gebot mit. Der Unterschied zwischen vorher und nachher besteht nicht in der unbeschränkten Freiheit des Menschen. Das Geschöpf ist ursprünglich zur Ehre des Schöpfers geschaffen worden. Alle Menschen, die grenzenlose Freiheit für sich in Anspruch nehmen, haben sich an die Stelle ihres Erschaffers gesetzt und die Rolle des Gesetzgebers an sich gerissen. Der Mensch wurde mit der Fähigkeit geschaffen, dem Gebieter zu gehorchen. Übrigens war es nicht so, dass die Wahlfreiheit des Menschen drastisch eingeschränkt worden wäre. Der Mensch durfte von allen Bäumen des Gartens ausgenommen von zweien essen. Die Schlange drehte diesen Sachverhalt um und fragte: Hat Gott nicht gesagt, dass ihr von keinem Baum essen dürft?

Der Mensch übertrat das Gebot und brach den Bund, dessen Bedingung Gott erhoben hatte. Das war keine Falle. Es war ein Test der Unterordnung. Nichts hätte dem Menschen gefehlt zu seinem Glück. Nur dachte er es sich in seinem Ungehorsam, dass ihm das Wichtigste fehlte. Jemand sagte mir kürzlich: „Sündigen erweitert die Möglichkeiten.“ So scheint es zu sein, doch dies ist eine große Täuschung. Die Sünde schränkt die eigenen Möglichkeiten und die meiner Nächsten drastisch ein.

Die Bibel zeigt die wahre Situation des Menschen auf: Er ist verflucht und wird aus der Gegenwart Gottes vertrieben. Das hätte das Ende des Menschen sein können. Doch Gottes ewiger Plan und Ratschluss geht über den Ungehorsam des Menschen hinaus. Er kündigt nicht nur Fluch, sondern auch kommenden Segen an. Der Nachkomme Evas, deren Name „Mutter der Lebendigen“ bedeutet, würde der Schlange den Kopf zertreten. Sie wurde zum ersten Mal schwanger und gebar – wir können annehmen, unter Schmerzen – einen Knaben. Im Unterschied zu heute wurde der Name nicht aus ästhetischen Gründen gegeben, sondern eng verknüpft mit Identität, Auftrag und Charakterzug des Menschen. Eva rief nach der Geburt aus, dass sie mit der Hilfe Gottes einen Mann erworben hatte. Was für ein Erwerb würde dies sein? Ich kann mir vorstellen, dass Eva gespannt war, ob dieser Nachkomme der Entfremdung des Menschen von Gott ein Ende bereiten würde.

Inzwischen wurde ein zweiter Sohn geboren. Seine Bedeutung deutet auf einen anderen menschlichen Grundbestand hin: Der Mensch war vergänglich, ja nur ein Hauch. Dieses Bewusstsein hatte sich seinen Eltern ebenfalls tief eingeprägt. Beide Söhne wuchsen heran, offensichtlich mit einem unterschiedlichen Gabenprofil. Kain wurde Ackerbauer, Abel Schafzüchter. Mit diesen kargen Worten wird ein Geheimnis des Menschseins beschrieben: Gott rüstet jeden Menschen mit einer einzigartigen DNA aus und stellt sie an einen einzigartigen Punkt der Geschichte. Jeder Mensch trägt etwas zur Entwicklung von Gottes Schöpfung bei. Das bedeutet, dass Ungleichheit unter den Menschen ein ursprünglicher, von Gott geschaffener Tatbestand darstellt.

Dann heißt es, dass die beiden Nachkommen Gott ein Opfer darbrachten. Woher wussten sie, dass sie Gott ein Opfer darbringen sollten? Wir finden keinen direkten Hinweis im Text, der dies erklärt hätte. Wir können dies nur aus einer Handlung Gottes schlussfolgern: Gott hatte nämlich den Eltern Adam und Eva Felle zur Bedeckung ihrer Scham gegeben. Dafür mussten Tiere ihr Leben lassen. Dies setzte den Standard für das erste Opfer der Menschen. Es ist also nicht erst die Verordnung Gottes mit Israel, die den Opferdienst begründete, sondern die Erkenntnis des Menschen aus Gottes Handeln mit ihnen. Der Mensch nimmt intuitiv wahr, dass er Gott entfremdet ist. Er will sich ihm nähern.

Doch blicken wir näher hin: Kain und Abel brachten Gott ein unterschiedliches Opfer dar. Kain reichte vom Ertrag des Feldes eine Gabe für Gott dar, Abel nahm ein Tier. Aus unserer Perspektive war da alles in Ordnung. Erschreckt stellen wir fest: Gott blickte auf Abels Opfer, aber auf Kains nicht. Weshalb? Hier kommen uns zwei Hinweise des Neuen Testaments zu Hilfe. In der Ahnengalerie des Glaubens im Hebräerbrief folgt der entscheidende Hinweis: „Durch Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain; durch ihn erhielt er das Zeugnis, dass er gerecht sei, indem Gott über seine Gaben Zeugnis ablegte, und durch ihn redet er noch, obwohl er gestorben ist.“ (Hebr 11,4) Der Unterschied zwischen Abel und seinem Bruder war – der Glaube. Johannes stimmt ein und beleuchtet dasselbe Ereignis aus der Perspektive Kains: „Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt, daß wir einander lieben sollen; nicht wie Kain, der aus dem Bösen war und seinen Bruder erschlug. Und warum erschlug er ihn? Weil seine Werke böse waren, die seines Bruders aber gerecht.“ (1Joh 3,11-12).

Das heißt also: Kain, der Erwerb Evas, war aus dem Bösen. Was heißt das? Er hatte keinen Glauben. Sein jüngerer Bruder Abel jedoch war gerecht. Diese Gerechtigkeit war jedoch durch seinen Glauben, nicht aber durch sein Werk und auch nicht durch das Opfer begründet. Gehen wir nicht vorschnell von dieser entscheidenden Stelle der Bibel weg. Hier wird uns in wenigen Worten ein Grundbestand des Menschseins und von Gottes Geschichte mit dem Menschen offenbart. Dem einen schenkt Gott Glauben, den anderen lässt er in seiner Bosheit bestehen. Es gibt deshalb nur zwei Linien der Menschheit: Die Linie der Verheißung und die Linie des Fluches. Die gesamte Schilderung des Alten Testaments ist in diesem Licht zu betrachten. Wir haben die Tendenz, uns einzelnen Figuren zuzuwenden und daraus Heldengeschichten zu bauen. Adam und Eva lieben wir wegen der Apfelgeschichte; die Sünde erscheint uns spannend und inspirierend! Wir blicken in unsere Kinderbibeln und freuen uns mit Noah über das riesige Schiff, stellen bewundernd fest, dass Abraham und seine Nachkommen sehr reich und ihren Nachbarn überlegen erschienen. Josef wurde Unterkönig von Ägypten, das Volk Israel wischte dem mächtigen Pharao eins aus. Doch halt: Hier färben wir die Grundtöne der Bibel falsch ein. Sie beschreibt zwei Linien der Menschheit, die Linie des Segens und die Linie des Fluches. Das soll keinesfalls fatalistisch verstanden werden, im Gegenteil. Just in diesem Moment, in dem du diese Zeilen liest, sollte dir die wichtige Frage durch den Kopf gehen: Gehe ich auf der Linie des Fluches oder auf der Linie der Verheißung? Schon das Volk Israel hatte Mose am Ende seines Lebens und vor dem Einzug ins Land vor die Wahl gestellt, entweder Fluch oder Segen zu wählen (5Mose 30,19). Auch der Erwerb Evas, der ältere Sohn Kain, wurde vor diese Wahl gestellt. Wir kommen zum zweiten Schritt.

Die Tat: Kain erschlug seinen Bruder

Nachdem der Rahmen in einigen wenigen Versen aufgebaut worden war, verlangsamt der Schreiber des Textes den Verlauf und richtet seine Kamera auf den Täter. Kain wurde sehr wütend und senkte sein Angesicht (V. 4). Wut wird hier nicht als kreativer Akt dargestellt. „Aggression muss raus.“ So wird manchmal behauptet. Nein, zuerst führt uns der Text dahin, nach dem Grund der Wut zu fragen. Das war nämlich die Frage, die Gott selbst Kain stellte: „Warum bist du so wütend?“ Dies ist eine weitere existenzielle Anfrage nach dem entlarvenden „Wo bist du?“ im Garten Eden. „Warum bist du wütend?“ Haben wir uns das selbst schon einmal gefragt? Haben wir diese Frage schon unseren Kindern gestellt? Was treibt uns zum Zorn?

Der von Gott entfremdete Mensch reagiert stets auf die gleiche Weise. Er missachtet Gottes Warnung. Wir sehen hier also zwei Dinge: Einerseits entfaltet sich der große Plan Gottes, alle Dinge unter ein Haupt zusammenzubringen und nach seinem Willen und auf sein Ziel hinzubewegen (Eph 1,10-11). Auch wenn sich aus menschlicher Sicht alles in die falsche Richtung bewegte, so hält Gott auch durch das Böse des Menschen hindurch seinen Rettungsplan aufrecht. Andererseits sind die beteiligten Menschen keine Marionetten, sondern verantwortlich handelnd. Gott konfrontierte Kain mit der Warnung, dass die Sünde vor der Tür lauert. Über den Vers ist viel gerätselt worden. Offenbar geht es darum, dass Kain aufgefordert wurde, über das Verlangen der Sünde zu herrschen.

Hier wäre der Punkt gewesen, in dem Kain seine Hilflosigkeit hätte eingestehen müssen. Er hätte Gott um Hilfe und Erbarmen anrufen müssen. Doch es wird mit keinem Wort erwähnt, dass er bei Gott Hilfe gesucht hätte. Die Wahrheit war: Die Sünde herrschte über ihn. Sie dominierte ihn und steuerte sein Verlangen. Ich weiß nicht, wie ein psychologisches Gutachten über Kain ausgefallen wäre. Das sind nicht einfach Emotionen, „die mit ihm durchgingen“. Er sah, dass sein Bruder von Gott gnädig angenommen wurde und er selbst nicht. Daraus erwuchs Neid. Es spielte sich „en miniature“ das ab, was Gott später durch das 10. Gebot regeln würde: Begehre nicht das, was dein Nächster hat. Es geht nicht um eine Frage des äußeren Verhaltens, sondern um ein innerliches Begehren. Die Bosheit wurzelt im Herzen des Menschen. Johannes spricht ja davon, dass Kain aus dem Bösen war (1Joh 3,12). Gottes Urteil über den sündigen Menschen lautet, dass sein Herz von Grund auf böse war den ganzen Tag (1. Mose 6,5; 8,21).

Kain hörte nicht auf die Warnung Gottes. Wie oft ist dieses Verhalten seither wiederholt worden. Der Mensch verfügt auch im sündigen Zustand über ein ethisches Bewusstsein. Das stellt Paulus in seiner Klage gegen den Menschen fest (Röm 1,32; 2,14). Er weiß sehr wohl aus seinem Inneren – Paulus spricht vom Gewissen –, wann er vom Gebot abweicht. Das Problem des Menschen ist deshalb ein ethisches: Er will sich Gottes Gebot nicht unterstellen. Er ist Rebell (vgl. Mt 23,37).

Die Gedanken Kains waren auf ein Ziel gerichtet: Sein Hass sollte sich am Bruder entladen, und er suchte den passenden Zeitpunkt dafür. Das Vorgehen erinnert an das von Judas Tausende von Jahren später. Die religiösen Führer Israels suchten nach einer Gelegenheit, Jesus auf die Seite zu schaffen. Pilatus, der römische Prokurator, wusste genau, dass ihn die Juden aus Neid überlieferten (Mt 27,18). Direkt vor dem letzten Passahmahl ging Judas hin, „um ihn an sie zu verraten. Sie aber waren erfreut, als sie das hörten, und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte eine gute Gelegenheit, um ihn zu verraten.“ (Mk 14,10-11) Gottes Ratschluss hatte vorherbestimmt, dass sein eigener Sohn durch die Hände seines Volkes getötet werden würde (Apg 2,23). Doch das hob die Verantwortung des Mörders auf keinen Fall auf: „Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; aber wehe jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen verraten wird! Es wäre für jenen Menschen besser, wenn er nicht geboren wäre!“ (Mk 14,20-21)

So verübt der voll verantwortliche Kain seine grässliche Tat. Sie stürzt seine eigene Familie in ein großes Elend. Davon steht zwar nichts geschrieben. Wir können uns jedoch das Entsetzen der Eltern vorstellen! Ihre Hoffnung hatte sich zerschlagen. Wenn wir den Text genau lesen, erkennen wir etwas von der großen Verunsicherung. Später wurde ihnen Seth geschenkt, dessen Name „Ersatz“ bedeutet: „Denn Gott hat mir für Abel einen anderen Samen gesetzt, weil Kain ihn umgebracht hat!“ (V. 25). Die gesamte Geschichte dreht sich um diesen Nachkommen, um die Linie der Verheißung. Gott sorgte für einen Ersatz.

Beachten wir auch Gottes Umgang mit Kain. Nach der Tat stellte Gott ihn nochmals zur Rede, so wie er es schon vorher getan hatte. Lassen wir uns nicht täuschen! Gott lässt sich nicht unbezeugt, auch heute nicht. Nicht nur verfügt jeder Mensch über Kenntnis von Gott. Sein Gewissen klagt ihn an. Gott fragte Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Dies ist eine weitere didaktische Frage Gottes. Natürlich wusste er, was geschehen war. Es war eine weitere Gelegenheit, die Vergebung Gottes zu suchen und seine Sünde einzugestehen. Doch Kain reagiert ganz anders. Wie schon seine Eltern beginnt er sich selbst zu rechtfertigen.

Seine Ausrede ist in die Geschichte der Menschheit eingegangen: „Bin ich meines Bruders Hüter?“ Eben das hätte er sein sollen. Jesus schuf durch sein Opfer eine Gemeinschaft von Menschen, die daran erkannt würden, dass sie eine gegenseitige Liebe zueinander hätten (Joh 13,34-35). Menschen, die von Herzen sagten: Ich bin meines Bruders Hüter; deren Hass geheilt würde; die zusammen Gott dienten und ihm die Opfer des Lobes darbrächten, die er von den Menschen wünschte (vgl. Hebr 13,13). Der von Gott abgewandte Mensch gibt seine Sünde nicht zu, selbst wenn sie vor Gott offen zutage liegt.

Das bringt uns zum dritten Schritt: Der Betrachtung der Folgen.

Die Folgen: Ruhelose Flucht und rasante Entwicklung

Während Kain seine Verantwortung und sogar seine Tat abstreitet, weiß er sich nach der Ankündigung der Konsequenzen sehr wohl zu wehren. Zielstrebig bringt er sich ein und reklamiert vor Gott, seine Strafe falle zu hart aus. So wenig unser sündiges Herz die eigene Verfehlung am Nächsten zugeben mag, so schnell sind wir bereit, für Milde im eigenen Fall zu plädieren. Das gesamte Kapitel ist auch ein Lehrstück für die Erziehung von Kindern (und damit auch von uns Eltern). Wie gehen wir mit Wut und Aggression um? Fragen wir nach dem treibenden Motiv? Wie reagieren wir auf Hartherzigkeit? Wie konfrontieren wir das Kind nach einer Tat? Welche Fragen stellen wir ihm? Wie geben wir ihm Gelegenheit Sünde zu bekennen? Wie sprechen wir mit ihm über seine Verantwortung Gott, den Eltern und Geschwistern gegenüber?

Die Strafe Gottes ist schrecklich. Halten wir das an dieser Stelle fest. Es ist die Logik der Sünde, dass sie verspricht, einen von Problemen zu entheben (in Kains Fall vom lästigen Bruder). Doch die Folgen der Sünde sind schrecklich. Sie knechten uns und andere. Kain wird ein unstetes und flüchtiges Leben verbringen. Es ist das Los der Linie des Fluches seither geblieben. Es treibt den Menschen eine große Ruhelosigkeit umher. Er sucht die Anklage und den Schmerz der Sünde zu betäuben. Doch selbst mit den stärksten Drogen wird dies nicht möglich sein. Es entfaltet sich vielmehr ein Kreislauf der eigenen Zerstörung.

Gott ging auf das Anliegen Kains ein. Wir fragen uns, weshalb. Der Text gibt keine direkte Antwort darauf. Wir können jedoch eine Teilantwort geben: Es geht Gott stets um seine eigene Ehre und seinen großen Plan. Gott begrenzte das Böse, indem er Kain markierte und ihn vor weiteren Taten schützte. Das ist ein großes Geheimnis, dass Gott selbst Menschen, die direkt ins Unheil laufen, schützt. Wenn der Mensch sich gänzlich selbst überlassen wäre, hätte er sich längst selbst zerstört. Diesen Kreislauf durchbrach Gott, indem er das Böse begrenzte. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass er damit die Tat Kains relativiert hätte. Paulus sagt: „Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut, und erkennst nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet? Aber aufgrund deiner Verstocktheit und deines unbußfertigen Herzens häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes, der jedem vergelten wird nach seinen Werken…“ (Röm 2,4-6) Täuschen wir uns nicht. Gott muss Sünde richten. Dass er langmütig wartet, heißt nicht, dass er Sünde gutheißt. Für den Betreffenden bedeutet es vielmehr, dass Gottes Güte ihn zur Umkehr bewegen soll. Tut er dies nicht, häuft er sich Zorn auf für den Tag des Gerichts. Gott wäre nicht gerecht, wenn er über die Bosheit des Menschen hinweggehen würde. Er wäre nicht Liebe, wenn er nicht gerecht wäre. Das ist übrigens auch das Fundament der christlichen Sozialethik: Gerechtigkeit und Liebe verbinden sich durch das Werk seines Sohnes miteinander. Der sündlose Gottessohn trägt den gerechten Zorn Gottes und tut ihm völlige Genüge. Sein Opfer schafft die Voraussetzung, dass Gott seine Liebe Menschen in vollem Maß zukommen lassen kann, die Sünder sind (Röm 5,8).

Der traurigste Satz dieses Kapitels ist nicht der Mord an Abel. Noch trauriger ist der Schlusssatz nach der Konfrontation Gottes: Kain ging weg vom Angesicht des Herrn (V. 16). Es kann nichts Schrecklicheres geben. König Salomo betet später bei der Einweihung des Tempels: Wenn sich Gottes Volk „über dem mein Name ausgerufen worden ist, demütigt … und sie beten und suchen mein Angesicht und kehren um von ihren bösen Wegen, so will ich es vom Himmel her hören und ihre Sünden vergeben und ihr Land heilen.“ (2Chr 7,14) Leider gibt es beide Wege. Die einen suchen sein Angesicht und die anderen wenden sich davon ab. Es gibt jedoch auch in diesem Kapitel einen Hoffnungsschimmer: Als Kains Ersatz, Seth, auf die Welt kommt, wird hinzugefügt: „Damals fing man an, den Namen des Herrn anzurufen.“ (V. 26) Während der eine vom Angesicht Gottes wegläuft, wendet die gleiche Not andere Menschen dem Herrn zu. So sehen wir, dass Gott auch durch das Böse hindurch seinen Plan verwirklicht. Er tut es bis heute und ruft Menschen durch Umkehr. Er tut es nicht selten durch leidvolle Begebenheiten. C. S. Lewis spricht davon, dass Leid das „Megafon Gottes“ sei.

Der Rest des Kapitels hängt eng mit dem gesamten Geschehen zusammen. Wir hätten uns gedacht, dass Kain nun hinging und ein Leben lang in Höhlen hauste. Das Gegenteil war der Fall. Er ging hin, nahm eine Frau – aus der Nachkommenschaft von Adam und Eva –, und bekam Nachkommen. Wahrscheinlich hätten wir heute gesagt: Über die nächsten Jahrhunderte ist Gras über die schreckliche Tat gewachsen. Nicht nur Gras! Die Nachkommen Kains setzten eine rasante Entwicklung in Gang. Landwirtschaft und Gewerbe blühten auf. Städte wurden gegründet. Musik und Künste erlebten eine erste Blüte. Es schien, als habe sich die Menschheit vom Mord Kains erholt. Sie begannen auch als Sünder, den Auftrag Gottes in die Tat umzusetzen. Was hatte er den Menschen geboten? Sie sollten sich vermehren und die Schöpfung Gottes entwickeln. Nun nahm diese Entwicklung ihren Lauf.

War alles wieder in Ordnung? Wer den Abschnitt genau liest, wird merken, dass sich ein anderer Ton in den Kulturoptimismus hineinmischt. Da lesen wir von Lamech, der sich zwei Frauen nahm. Wie hatte es Gott am Anfang angeordnet? Ein Mann sollte einer Frau (Einzahl) anhängen. Gottes ursprüngliches Format wurde auch in dieser Hinsicht bald außer Kraft gesetzt. Lamech war der Prototyp für die Vielehe. Was für ein Leid hat er in unzählige Familien auch innerhalb der Linie der Verheißung gebracht (zum Beispiel in Jakobs oder Samuels Familie). Noch etwas. Lamech pries sich dafür, dass er sich für eine geringfügige Verletzung mit der Tötung rächte. Er bezog sich dabei auf seinen Vorfahren Kain. Die Menschen wohnten zwar in Zelten und Städten, verfügten über Metallwerkzeuge und Musikinstrumente. Doch der Friede war nicht wiederhergestellt. Die Menschen, so heißt es in 1. Mose 6, handelten verderbt. Das Böse nahm so zu, dass Gott ein Gericht über den gesamten Erdkreis bringen musste.

Weshalb haben wir Menschen Krieg?

Weshalb streiten sich Ehepaare bis zum finanziellen und psychischen Ruin? Weshalb bekämpfen sich Nachbarn bis zum Verlust des gesamten Vermögens? Weshalb rächen sich Arbeitnehmer an Arbeitgebern und Schüler an Lehrern? Weshalb haben wir an über 100 Orten der Welt Konflikte? Weshalb bekämpfen sich Völker sogar gegenseitig und richten sich unterschiedliche Stämme zugrunde? Wir könnten aber auch ganz anders fragen: Weshalb haben sich die Menschen noch nicht zugrunde gerichtet? Weshalb ist keine Welt-zerstörende Bombe abgeworfen worden? Weshalb hat sich Europa nach dem Zweiten Weltkrieg erholen können?

Die Antwort auf das erste Bündel Fragen lautet: Weil die Sünde die Menschen einander entfremdet hat. Der Ursprung von Gewalt und Zerstörung beginnt im Herzen, der inneren Schaltzentrale des Menschen. Von dort breitet sie sich aus – zuerst in der eigenen Familie. Geschwister sind einander Feind. Kinder missachten ihre Eltern. Eltern misshandeln ihre Kinder. So geht es weiter bis dahin, dass Völker sich bekämpfen. So wie ein Streichholz einen Waldbrand entfachen kann, so lösen Worte große Konflikte aus (vgl. Jak 3).

Die wichtigste Frage ergeht deshalb an jeden einzelnen von uns: Wie stehen wir zum Schöpfer? Hören wir auf seine Fragen: Wo bist du? Wo befindest du dich? Warum hast du so und nicht anders gehandelt? Weshalb treibt dich der Hass gegen andere Menschen? Ich hoffe, es geht dir wie dem Zöllner im Gleichnis von Jesus: „Sei mir Sünder gnädig.“ An welcher Stelle wir auch immer stehen, jetzt ist die Zeit für Umkehr. Geh nicht von diesem Punkt weiter wie Kain, der vom Angesicht des Herrn weggegangen ist. Beginne wie Adam und Eva damit, den Namen des Herrn anzurufen. Wenn es geschieht, preisen wir den Herrn, denn auch dieses Anliegen kommt von ihm selbst aus.

So lege ich dir heute anhand von 1. Mose 4 Fluch und Segen vor. Den Fluch, damit er dich in die Arme des gerechten und barmherzigen Gottes treibe; den Segen, damit er die Dankbarkeit in dir entfache. Gott redet durch sein Wort. Es lässt dich nie unverändert zurück. Bitten wir ihn, dass er uns gnädig sei und uns seines Segens teilhaftig werden lasse. Amen.

[1] Bitte lies 1. Mose 4 in einer guten Bibelübersetzung dreimal durch. Das erste Mal kannst du dir dabei die Frage stellen: Wie wird das Geschehen aus Gottes Sicht bewertet? Nimm beim zweiten Mal die Perspektive der Eltern Kains ein, das dritte Mal die Position von Kain selbst.

Predigten

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.

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