Wie unendlich verdreht doch das menschliche Herz ist (Jeremia 44,16-18)

31. August 2017 0 Antworten von Simon

Es gibt sie. Diese Momente im Leben, wo man denkt: Schlimmer geht’s nicht mehr. Tiefer kann man nicht mehr fallen. Die Zerstörung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. durch den babylonischen König Nebukadnezar und dessen gewaltige Truppen muss für all diejenigen, die sie live miterlebten, solch ein Moment gewesen sein.

Noch heute können wir einen Eindruck von der berechnenden Grausamkeit der Babylonier erahnen, wenn wir den historischen Bericht der Eroberung in Jeremia 39,1-10 lesen. In nüchternen, ja verwunderlich kalt anmutenden Worten erfahren wir auf wenige Sätze zusammengedrängt, wie die einst so prächtige Hauptstadt Israels dem Erdboden gleichgemacht wird. Zwei Verse reichen aus, um das schreckliche Schicksal von Zedekia, dem letzten König von Juda, zu beschreiben: Seine Söhne (junge Knaben!) werden vor seinen Augen niedergemetzelt, danach alle Vornehmen Jerusalems. Es sollte das letzte sein, was der König sah: anschließend stach man ihm die Augen aus. Nur ein kümmerlicher Rest aus der untersten Schicht des Volkes verblieb am Ende in der Stadt.

Man sollte meinen, dass wenigstens dieser aus der Geschichte gelernt haben müsste. Wie war es so weit gekommen? Was hatte zu diesem dramatischen Ereignis geführt?

Es wäre vermeidbar gewesen. 40 Jahre hatte der Prophet Jeremia die Israeliten auf ihre große Sünde aufmerksam gemacht: Götzendienst. Die Juden hatten sich von Gott abgewandt und den Göttern der Völker um sie herum zugewandt: „Die Kinder lesen Holz zusammen, und die Väter zünden das Feuer an, die Frauen aber kneten Teig, um der Himmelskönigin Kuchen zu backen; und fremden Göttern spenden sie Trankopfer, um mich zu ärgern.“ So lautete die Anklage Jeremias, die er im Namen Gottes aussprach (Jer 7,18), die bei den Zuhörern aber nur auf verstopfte Ohren und verhärtete Herzen stieß.

Das schreckliche Urteil folgte auf dem Fuße: „Darum, so spricht Gott, der Herr: Siehe, mein Zorn und mein Grimm wird sich über diesen Ort ergießen, über die Menschen und über das Vieh, über die Bäume des Feldes und über die Früchte der Erde, und er wird unauslöschlich brennen!“ (Jer 7,20)

Diese Botschaft Jeremias hatte sich nun erfüllt. Ultimativ war es nicht Nebukadnezar gewesen, der Unheil über Israel gebracht hatte. Nein, die Eroberung Jerusalems war Gottes gerechtes Gericht über ein rebellisches, ungehorsames Volk. Musste diese Wahrheit jetzt nicht jedem Beteiligten glasklar vor Augen stehen? Wenigstens jetzt würde das Volk doch sicherlich seine Sünde bereuen, bekennen und endlich von ganzem Herzen zu Gott umkehren?

Falsch gedacht. Wir überspringen einige Kapitel in Jeremia. Der klägliche Überrest an Israeliten, die von den Babyloniern in Jerusalem zurückgelassen wurden, befindet sich in Kapitel 44 inzwischen in Ägypten (bezeichnenderweise in dem Land, aus dem Jahwe sie einst befreit hatte). Sie sind dorthin geflohen, um einer erneuten Racheaktion Nebukadnezars zu entgehen. Und was ist das erste, was ihnen im Land der ehemaligen Sklaverei in den Sinn kommt? Richtig: Götzendienst zu betreiben. Sie fangen wieder an, der Himmelskönigin zu räuchern.

Und erneut ist es Jeremia (er wurde wider Willen von den Juden mit nach Ägypten geschleppt), der sie auf diese Sünde hinweist. Er malt ihnen noch einmal das vergangene Gericht Gottes, die Zerstörung Jerusalems, vor Augen. Er macht deutlich, dass Gottes Arm nicht zu kurz ist, um sie auch hier in Ägypten zu erreichen und erneut zu strafen. Und was ist die Antwort der Israeliten? Lest selbst:

Was das Wort angeht, das du im Namen des HERRN zu uns geredet hast, so wollen wir nicht auf dich hören; sondern wir wollen gewisslich alles das tun, was wir gelobt haben: Wir wollen der Himmelskönigin räuchern und ihr Trankopfer ausgießen, wie wir, unsere Väter, unsere Könige und unsere Fürsten es in den Städten Judas und auf den Straßen Jerusalems getan haben; damals hatten wir Brot in Fülle, und es ging uns gut, und wir erlebten kein Unheil! Sobald wir aber aufhörten, der Himmelskönigin zu räuchern und Trankopfer auszugießen, hat es uns überall gefehlt, und wir wurden durch Schwert und Hungersnot aufgerieben. (Jer 44,16-18)

Ist das nicht Wahnsinn? Es hat sich nichts geändert, alles ist beim Alten. Die Juden haben nichts aus der Geschichte gelernt. Warum? Nun, das menschliche Herz ist unendlich verdreht. Und das hat Auswirkungen auf unsere Handlungen. Es hat Auswirkungen auf unsere Vernunft. Ein Theologe hat das einmal so formuliert: „Was das Herz liebt, das wählt unser Wille, und rechtfertigt unser Verstand.“

Das ist der Grund, wieso wir eine Reformation der Herzen notwendig haben. Schon zur diesjährigen Konferenz angemeldet?

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Simon Mayer, Jahrgang 1990, hat Elektrotechnik studiert und zwei Jahre als Ingenieur bei einem großen Bayrischen Automobilhersteller gearbeitet. Inzwischen absolviert er ein Praktikum in der Freien Evangelischen Gemeinde München-Mitte und studiert nebenher Theologie am Martin Bucer Seminar. Seit 2010 ist er verheiratet mit Simone. Wenn er nicht gerade mit redaktionellen Tätigkeiten für den Josiablog beschäftigt ist, eine Predigt vorbereiten darf oder versucht den riesigen Berg an Lektüre für sein Studium zu bewältigen, schaut er gerne mal einen Krimi mit seiner Frau, geht Joggen oder macht Musik.
Keine Antworten zu “Wie unendlich verdreht doch das menschliche Herz ist (Jeremia 44,16-18)”

Hinterlasse eine Antwort