Gottes Zorn – weshalb?

13. Mai 2018 1 Antwort von Hanniel

16 Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist Gottes Kraft zur Errettung für jeden, der glaubt, zuerst für den Juden, dann auch für den Griechen; 17 denn es wird darin geoffenbart die Gerechtigkeit Gottes aus Glauben zum Glauben, wie geschrieben steht: »Der Gerechte wird aus Glauben leben«. 18 Denn es wird geoffenbart Gottes Zorn vom Himmel her über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, welche die Wahrheit durch Ungerechtigkeit aufhalten, 19 weil das von Gott Erkennbare unter ihnen offenbar ist, da Gott es ihnen offenbar gemacht hat; 20 denn sein unsichtbares Wesen, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit Erschaffung der Welt an den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, so daß sie keine Entschuldigung haben. 21 Denn obgleich sie Gott erkannten, haben sie ihn doch nicht als Gott geehrt und ihm nicht gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. 22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das dem vergänglichen Menschen, den Vögeln und vierfüßigen und kriechenden Tieren gleicht. 24 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in die Begierden ihrer Herzen, zur Unreinheit, so daß sie ihre eigenen Leiber untereinander entehren, 25 sie, welche die Wahrheit Gottes mit der Lüge vertauschten und dem Geschöpf Ehre und Gottesdienst erwiesen anstatt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen! 26 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in entehrende Leidenschaften; denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 27 gleicherweise haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind gegeneinander entbrannt in ihrer Begierde und haben Mann mit Mann Schande getrieben und den verdienten Lohn ihrer Verirrung an sich selbst empfangen. 28 Und gleichwie sie Gott nicht der Anerkennung würdigten, hat Gott auch sie dahingegeben in unwürdige Gesinnung, zu verüben, was sich nicht geziemt, 29 als solche, die voll sind von aller Ungerechtigkeit, Unzucht, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit; voll Neid, Mordlust, Streit, Betrug und Tücke, solche, die Gerüchte verbreiten, 30 Verleumder, Gottesverächter, Freche, Übermütige, Prahler, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam; 31 unverständig, treulos, lieblos, unversöhnlich, unbarmherzig. 32 Obwohl sie das gerechte Urteil Gottes erkennen, daß die des Todes würdig sind, welche so etwas verüben, tun sie diese Dinge nicht nur selbst, sondern haben auch Gefallen an denen, die sie verüben. (Römer 1,16-32)

Warum dieser Abschnitt so wichtig ist

In diesem Abschnitt lernen wir eine Menge über Gottes Wesen und eine Menge über uns Menschen.

Über Gott: Jeder weiß mehr von Gott, als er denkt und vor allem, als ihm lieb ist.

Über den Menschen: Uns Menschen wird nicht zum Verhängnis, dass wir etwas zu wenig lieben, sondern dass wir es zu viel lieben: nämlich einen Ersatz anstelle von Gott.

Wo dieser Abschnitt steht

Paulus‘ Pläne zielten dahin, endlich die große, sozial und von der Herkunft her bunt gemischte römische Gemeinde zu besuchen.

Seine Stoßrichtung für den Brief ist erstaunlich. Er plante eine systematische Unterweisung, um sie für die weltweite Mission zu ermutigen.

Womit beginnt Paulus, nachdem er den Brief eingeleitet hat? Er startet mit etwas, wovon uns die Psychologen dringend abraten würden. Er beginnt mit einer gigantischen Anklagerede von fast drei Kapiteln und redet alle Menschen – halt mal kurz die Luft an – schlecht. Er sagt ihnen: Ihr seid von euch aus gesehen absolut chancenlos. Das steht in direktem Widerspruch zu unserer Zeit. Diese ruft uns dauernd zu: Glaub an dich! Yes, you can. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Sünde wird heute fatal umgedeutet. Es ist das, was mich an meiner Erfüllung hindert. Das Sündenverständnis ist horizontal – es betrifft uns Menschen (und hauptsächlich uns selbst). Es ist nicht mehr ein menschlich unveränderbarer Schuldzustand gegenüber dem, der uns gemacht hat.

Was uns dieser Abschnitt lehrt

Wer Gottes Zorn ausblendet, lebt an der Wirklichkeit vorbei.

Paulus beginnt mit der Aussage, dass der Zorn Gottes offenbar ist. Dabei verwendet er im Griechischen die Gegenwartsform. Manche Zeitgenossen stoßen sich an diesem Begriff. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass uns der Zorn Gottes in hunderten von Stellen im Alten und Neuen Testament begegnet, egal ob Geschichtsbücher, Propheten, Briefe oder die Offenbarung. Jesus selbst sprach oft von Gericht und ewiger Strafe.

Paulus fährt fort und trifft die wichtige Feststellung, dass ein Teil von Gott für alle Menschen sichtbar wird. Wie denn? Es geht um seine Macht und Göttlichkeit. Wo wird diese erkennbar? Im Gemachten, also in der Schöpfung. Wie erkennen es die Menschen? Durch denkendes Wahrnehmen. Jetzt mal langsam:

Zornig? Warum denn? Weil Ihm durch Dienst am Selbst die Ehre geraubt wird.

Bei einem Vortrag wurde ich mit dem Einwand konfrontiert: Gott steht doch darüber. Er wird doch nicht zornig. Achtung:  Wir projizieren vorschnell menschlichen Zorn auf Gott! Die Wahrheit ist: Wir sind zu Seiner Ehre geschaffen. Wir gehören Ihm. Er hat absolutes Verfügungsrecht über uns. Er gibt seine Ehre keinem anderen (Jesaja 40-48).

Timothy Keller erklärt dies so: „Paulus kritisiert hier ein Denken, das Gott die ihm gebührende Ehre verweigert.“ Das undankbare Denken des Menschen bleibt auf sich selbst bezogen, ist sich also selbst Gesetz. Dieses autonome Denken richtet sich gegen Gott, wird zur Selbstverherrlichung des Menschen benutzt und ersinnt allerlei Rechtfertigungen für die Sünde. Aber die Boshaftigkeit bezieht sich nicht nur auf die Formen des Denkens (z.B. die Logik), sondern auch auf die Denkvoraussetzungen und Inhalte. Das Denken ist finster und böse, weil es unter dem Einfluss der Sünde missbraucht wird. Die Alternative zum verkehrten Denken ist gleich­wohl nicht die Gedankenlosigkeit, sondern das gute Denken.

Der Autor warnt uns ganz im Sinne des Sündenfallberichtes davor, den Verstand autonom, also losgelöst von Gottes Gedanken, zu gebrauchen. Wir sind berufen nachzudenken, was Gott denkt. Der Mensch, der durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus Vergebung für seine Schuld – auch die Schuld seines verkehrten Denkens – und ein neues Leben geschenkt bekommt, erhält ein neues Herz und damit ein neues Denken.“

Wir sind am Kern des Problems angelangt:

Unser Problem ist nicht das Wissen, sondern das Wollen.

Manchmal denken wir: Wenn wir nur dies oder das wüssten, dann würden wir dies oder jenes tun. Doch Vorsicht: Es geht nichts ums Denken, sondern ums Danken. Mein Doktorvater hat es so ausgedrückt: „In den vergangenen Jahrzehnten haben Psychologen oft von unterdrückten Erinnerungen der Menschen gesprochen, die sie ängstigen. Die Reaktion der ersten Menschen Adam und Eva auf ihre Sünde – sie versteckten sich vor Gott – ist typisch für das menschliche Verhalten. Oder denken wir an ein Kind, das seine Augen fest zukneift und meint, die anderen würden es nicht sehen. Es ist also festzuhalten: Unglaube ist immer mit Sünde verbunden, weil Unglaube mit unterdrückter Wahrnehmung verbunden ist.“

So schlussfolgert Paulus: Wir Menschen sind allesamt ohne Entschuldigung. Weshalb? Rekapitulieren wir: Jeder Mensch erkennt durch seine Schöpfung Gott in seiner Macht. Er unterdrückt jedoch dieses Wissen und verweigert Gott die Unterordnung. Jetzt schließt sich der Bogen zum Beginn der Argumentation. Paulus spricht ja davon, dass der Zorn Gottes schon offenbar ist.

Die vermeintliche Freiheit ist Teil von Gottes Gericht.

Der Freiheitsbegriff wichtiger philosophischer Schulen des 20. Jahrhunderts ist aus Sicht der Bibel mit einem Kategorienfehler behaftet. Wir meinen, wir seien frei, das zu tun, was uns gefällt. Diese Vorstellung ist in die DNA von uns Westeuropäern eingegangen.

Diese Freiheit äußert sich – Schreck, lass nach – in sexueller Zügellosigkeit, wie Paulus ab V. 24 näher erklärt. Das sieht nach einer verzweifelten Situation aus. Genauso ist es. Doch ich habe eine wichtige Ergänzung.

Aufblick auf den Durchbruch: Gottes Kraft der frohen Botschaft.

Gehen wir zurück zur Ansagetafel des Briefes in den Versen 16 und 17. Das Evangelium ist Gottes Kraft und gereicht dem Glaubenden egal welcher Herkunft zum Heil. Gottes Gerechtigkeit wird durch Christus dem Glaubenden zugerechnet. Diese frohe Botschaft macht erst dann Sinn, wenn wir unsere aussichtlose Position erkannt haben.

Zusammenfassung (Thomas K. Johnson):

„Die menschliche Verfassung vor Gott ist gefüllt mit Gegensätzen und Spannungen. Im Zentrum dieser Gegensätze steht das Problem, dass die Menschen Kenntnis von Gott haben, obwohl sie diese Kenntnis oftmals nicht akzeptieren oder anerkennen.“ Jeder weiß deshalb mehr von Gott, als er denkt und vor allem, als ihm lieb ist. Uns Menschen wird nicht zum Verhängnis, dass wir etwas zu wenig lieben, sondern dass wir es zu viel lieben: nämlich einen Ersatz anstelle von Gott.

Wie wir diesen Abschnitt auf unser Leben anwenden

Nancy Pearcey, Musikerin und Theologin, hat drei Bücher geschrieben, die ich allen Englisch-Kundigen sehr ans Herz lege: Total Truth, Saving Leonardo und Finding Truth. Sie alle buchstabieren die Wahrheit, die Paulus in Römer 1 darlegt, in unserem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext aus.

Das Buch „Finding Truth“ baut sie besonders um eine Fünf-Schritte-Strategie, basierend auf Römer 1, auf. Bevor ich diese nenne, muss ich eine kurze Erläuterung zum Begriff „Götzendienst“ in der heutigen Zeit einschieben.

Götzendienst ist Kult am Ich. Das kann vielfältige Formen annehmen:

  • Sich selbst ins Zentrum setzen (zum Beispiel in Form von eigenen Erwartungen, Dominanz in Beziehungen oder dem eigensüchtigen Anstreben von Gefühlszuständen)
  • Andere vergöttern (Personen aus der Familie; aus der Arbeit; aus der Medienwelt; andere Kulturen)
  • Materielles vergötzen (Besitz in jeder Form, Tiere)

Pearcey schlägt fünf Schritte zum Erkennen und Ersetzen des Götzen vor:

  1. Identifiziere den Götzen. Zu einem Götzen kann all das werden, auf das wir größeres Vertrauen als auf Gott setzen bzw. von dem wir tiefere Erfüllung als von ihm erwarten. Das können Personen, die Natur, materielle Gegenstände, Ideen oder sogar Gefühlszustände sein.
  2. Identifiziere den Reduktionismus dieses Götzen. Wenn ein Teil der Schöpfung absolut gesetzt wird, muss sich alles nach diesem Teilaspekt richten. Götzendienst führt deshalb zwingend zu einer Knechtschaft.
  3. Teste den Götzen: Widerspricht er dem Wissen, das wir über die Welt haben? An bestimmten Stellen widerspricht jeder Götze der Wirklichkeit! Wo blenden wir aus und wollen es nicht sehen?
  4. Teste den Götzen: Widerspricht er sich selbst? Götzen-zentrierte Weltsichten kollidieren nicht nur mit der äußeren Wirklichkeit. Sie brechen in sich zusammen, weil sie widersprüchlich sind.
  5. Ersetze den Götzen: Entwirf ein Szenario für das Christentum! Was ändert sich, wenn Gott die erste Stelle einnimmt?
Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.

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