Vier Grundfragen für das Lernen

13. Januar 2019 0 Antworten von Hanniel

Im ersten Teil haben wir uns mit dem Denken an sich befasst. Der zweite Artikel zielte insbesondere auf den Einbezug Gottes in sämtliche Lernprozesse. In diesem dritten Teil blicken wir aus vier Blickwinkeln nochmals auf unser Lernen. Aus jedem Teil resultiert eine Anfrage an uns selbst.

Wir gehen von vier der wichtigsten philosophischen Grundfragen aus: Die Frage nach Gott und dem Sein (Metaphysik), nach der Art und Weise des Erkennens (Epistemologie), nach der Verfassung des Menschen (Anthropologie) und schließlich nach der Frage eines gelingenden Lebens (Ethik). Stellen wir uns diese Fragen in Bezug auf das Lernen.

1. Wozu lernen?

Warum ist etwas und nicht vielmehr nichts?“ So fragte Gottfried Leibniz (1646-1716). Diese Frage spielen wir natürlich nicht täglich durch. Dafür stellen wir uns andere:

Weshalb muss ich gerade diesen Stoff pauken? Was bringt es mir, wenn ich diesen oder jenen Kurs besuche? Oder grundsätzlicher: Warum ich gehe überhaupt zur Schule? Weshalb auswendig lernen und wieder vergessen?

Dahinter verbirgt sich eine menschliche Grundfrage: Weshalb bin ich hier? Wohin geht es mit mir? Du magst einwenden, dass diese Fragen zwar zu einem dunklen Novembertag passten, jedoch nicht in den Einkaufskorb des Alltags. Sehen wir uns dies von der Antwortseite her an. Eine mögliche Antwort könnte so klingen: „Ich lerne, um die Prüfung zu bestehen.“ Oder: „Ich lerne, um nachher ordentlich Geld zu verdienen.“ Oder: „Ich arbeite, um mir dies und jenes leisten zu können.“ Lernen fungiert in diesen Fällen als eine Art Beschaffungsmaßnahme für ein anderes Mittel (Geld, Prüfungen, etc.) Diese Antworten zeigen:

Wir neigen dazu, die Mittel zum Ziel zu erklären.Will heißen: Geld verdienen ist in sich kein Ziel. Wir wollen etwas damit erreichen.

Stelle dir die Frage einmal anders: Was sagt mir meine Unlust zu lernen oder der fehlende Sinn über meine Grundorientierung aus? Eine biblische Weltsicht lässt uns über die Oberfläche des Moments und unserer Wünsche bzw. Abneigungen hinaus blicken. Die erste Frage nach dem Sinn zielt auf unsere Hinordnung. Ich benütze absichtlich dieses Wort, weil es unsere Stellung so deutlich macht. Wir sind vom Schöpfer in eine bestimmte Ordnung und in einen andauernden Bezug zu Ihm gestellt worden.

→ Frage: Was sagt dir deine Unlust zu lernen über deine Grundorientierung aus?

2. Wie können wir erkennen?

Die zweite Frage beschäftigt sich mit dem komplizierten Vorgang, wie wir überhaupt etwas wahrnehmen können. Seit der Aufklärung haben viele Denker eine starke Trennung zwischen dem, was sich in unserem Kopf abspielt und dem, was „da draußen“ passiert, behauptet. Das ging so weit, dass einige sogar behaupteten, dass alles von uns „konstruiert“ werde. Ein Blick in unser Leben zeigt jedoch, dass diese Trennung künstlich bleibt.

An einem einfachen Beispiel erklärt: Wir werden nicht satt, indem wir uns unser Essen im Kopf vorstellen. Sondern wir greifen zu Produkten, die irgendwo auf diesem Planeten (Außenwelt) gewachsen sind. Es gibt eine Verbindung zwischen dem, was wir zu uns nehmen, und unserem Körper, der diese Dinge verdaut: Zwischen uns Menschen (Subjekten) sowie Dingen, die wir zu uns nehmen (Objekte) besteht eine Passung (Korrespondenz).

Aus biblischer Weltsicht beinhaltet diese Passung nicht nur die physischen Gegebenheiten. Dass wir nicht mit dem Kopf durch eine Betonmauer gehen wollen, leuchtet uns ein. (Daher kommt der Ausdruck „mit dem Kopf durch die Wand gehen“.) Wenn es jedoch um die moralische Ordnung Gottes geht, dann können wir diese offensichtlich umgehen. Wir wollen uns zum Beispiel mit fremden Federn schmücken und schreiben in der Klassenarbeit ab.

→ Frage: Weshalb trennen wir eigentlich zwischen physischen Fakten und der moralischen Ordnung?

3. Wer lernt?

Der Vorgang des Erkennens führt zum Erkennenden, nämlich uns selbst. Wir können ausschließlich über unsere Sinne wahrnehmen. Es gibt keinen anderen Ein- und Ausgangskanal. So wie wir in einer bestimmten Art geschaffen sind, so existieren für das Lernen einige Grundgegebenheiten.

3.1 Wir sind geschaffen, um zu lernen

Die erste besteht darin, dass wir überhaupt lernen müssen. Der Mensch wird in einem Zustand kompletten Angewiesenseins auf andere geboren und dann während Jahren durch Lernen zu einem Leben in der Gesellschaft befähigt.

Das heißt:

(a) Der Mensch ist gezwungen zu lernen. Er entwickelt sich ständig.

(b) Er muss zudem in Übung bleiben. Das umschreiben wir mit dem Wort „Gewohnheiten“. Jeder von uns hat tausende von Abläufen, Haltungen und Reaktionen verinnerlicht.

(c) Wir entwickeln ganz unterschiedliche Schwerpunkte und Fähigkeiten. Unsere Charaktere und Persönlichkeiten unterscheiden sich.

(d) Die Menschen sind mit unterschiedlichen Kapazitäten geschaffen worden.

Diese vier Dinge sind unserem menschlichen „Design“ von der Schöpfung her eigen. Wenn wir die drei ersten Punkte zusammennehmen: Jeder Mensch ist auf seinen Schöpfer hingeordnet worden. Er lernt, um Ihn zu erkennen. Dabei füllt er einen einzigartigen Platz aus.

→ Frage: Welche erstaunlichen Fähigkeiten hast du dir im bisherigen Leben angeeignet? Was war dein Antrieb dazu? In welcher Hinsicht dienst du Gott damit?

3.2 Die Grenzen unseres Lernens

Wenn ich hier aufhören würde, dann würde ein wichtiger Teil der Realität fehlen. Gibt es denn nicht viele Kinder, die unter den Bedingungen ihres Herkunftslandes und -familie zu leiden haben und sich nie in ihrem Potenzial entwickeln können? Richtig. Verbauen sich nicht viele Schüler durch schlechte (oder fehlende) Gewohnheiten einen beruflichen Weg, den sie von ihren Anlagen her hätten einnehmen können? Stimmt. Und weshalb vergessen wir ständig Dinge? (Manchmal scheint es, als würden wir mehr vergessen als dazu zu lernen.) Auch das ist wahr. Weshalb gibt es Menschen, die in jedem körperlichen und geistigen Belang besser ausgestattet worden sind als wir? In unserer Antwort bauen wir oft die Bewertung „ungerecht“ ein.

Diese Fragen weisen auf zwei weitere Grundgegebenheiten des Menschseins hin. Die Ordnung ist nicht mehr optimal. Es gibt jede Menge Störfaktoren. Die biblische Weltsicht siedelt die Herkunft des Problems in uns drin an. Sie bezeichnet die Verfassung, in der wir uns vom Anfang unseres Lebens her vorfinden, als Sünde.

Es gibt jedoch noch eine zweite Einschränkung: Unsere menschliche Begrenzung, sei es als Mensch überhaupt oder bezüglich unserer Kräfte. Wir Menschen sind hinfällig und schwach. Etwas, was bereits der Sohn von Adam und Eva realisierte und seinem Sohn den Namen Enosch (schwach, hinfällig) gab (1. Mose 4,26).

→ Frage: Haderst du manchmal mit dem, was Gott dir zugeteilt hat? Was hättest du gerne anders gehabt?

(Nur am Rande: Wir neigen dazu, einander unsere Begrenzungen anzulasten und die Sünden zu entschuldigen. Was passiert dadurch? Wir überspielen unsere Begrenzungen und verherrlichen Sünden.)

4. Wie kann Lernen gelingen?

Das bringt uns zum Punkt, bei dem viele anfangen würden. Nämlich dazu, uns zu fragen, wie wir leben sollen. Weil wir uns zuerst den anderen anspruchsvollen Fragen gestellt haben, fließen uns verschiedene Erkenntnisse zu. (Womit auch klarer werden könnte, weshalb die ersten drei Fragen diese Wichtigkeit für unser Lernen haben.)

Ein von Jesus erneuertes Leben zeigt sich in einer grundsätzlich erneuerten Ausrichtung. Wir sind zu Seiner Ehre geschaffen worden. Dies schließt unser Lernen mit ein.

Gott hat nicht nur die physischen Gegebenheiten geschaffen, deren Gesetze wir uns durch Lernen aneignen. Er hat zudem ein moralisches Gesetz erlassen, dem wir jedoch wegen unserer Sünde oft widersprechen. Ein gelingendes Leben beinhaltet das durch die Kraft des Heiligen Geistes gespeiste Bestreben, dankbar beides zu erkunden und uns danach zu richten. Wir ehren Ihn dadurch.

Wir sind mit der Aufgabe in diese Welt gestellt, Seine Schöpfung weiter zu entwickeln. Deshalb bilden wir unsere Gaben aus. Dabei lässt uns die Erfahrung unserer Begrenzung demütig werden. Wir sind in jeder Beziehung angewiesen auf unseren Schöpfer. Durch unsere eigenen Sünden und die Sünde unseres Umfelds bleiben unsere Lernprozesse dauerhaft gestört und angefochten. Wir erbitten deshalb von Moment zu Moment seine Bewahrung und Weisheit.

→ Frage: Was ist aus diesen Schlussfolgerungen dein vordringlichstes Lernfeld?

Bibel/Nachfolge

Über den Autor

Hanniel Strebel (1975), verheiratet mit Anne Catherine, fünf Söhne, Vielleser und regelmäßiger Blogger. Er ist Betriebswirt (FH), Theologe (MTh, USA) und hat vor kurzem in Systematischer Theologie promoviert. Gott hat das Thema „Lernen“ als roten Faden in sein Leben gelegt. Seine Frau und er unterrichten ihre Söhne zusammen privat.
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